Das Oberamt
Vernehmt, ihr Volksgebieter; Mich sendet Gott zu euch. Gemeines Wohles Hüter, Verwaltet ihr das Reich. Legt treu des Amtes Rechnung ab, Das Gott durch Volkesstimm’ euch gab. Nicht stiegt ihr aus der Wolke Mit Zepter, Kron’ und Schwert: Ihr wurdet, gleich dem Volke, Gewiegt und aufgenährt; Unmündig gingt ihr an der Hand, Und lallend lerntet ihr Verstand. Nicht geistvoll vor der Menge Seid ihr, noch tugendhaft; Nicht raget ihr durch Länge, Gewandheit oder Kraft; Nicht Engeln gleich, und nicht wie Duft Durchlauchtig, schwebt ihr durch die Luft. Mit Herrschmacht geschaffen, Kämt göttlich ihr von Gott? Die Höfling’ und die Pfaffen Behauptens nur zum Spott. Ihr könnt, wenn eure Völker ruhn Auch nicht das kleinste Wunder thun.
O Volksgebieter, merke: Du trägst, belehnt in Pflicht, Des Volks Gewalt und Stärke; Zu schüzen Recht und Licht; Zu wehren Frevel, Raub und Trug, Zu schlichten nach Gesezesspruch. Wann vielfach umgestaltet Der Geist des Volkes strebt: So schüze nicht, was altet, Noch dämpfe, was sich hebt. Die Mehrheit senket und erhöht; Der Mehrheit Schluß ist Majestät. Aus freien Herzenstrieben War Zepter, Kron’ und Schwert, Die Majestät zu üben, Vom Volke dir gewährt. Gedeihn besonders und gesamt Soll Bürgerglück: das will dein Amt. Empören sich die Mindern, Voll Stolz und Eigensucht, Des Volkes Geist zu hindern; So halte streng auf Zucht. Nie ward von Mindern unbereut Des Volkes Majestät entweiht.
Johann Heinrich Voß. Erstdruck: Hamburger Musenalmanach 1800, S. 102-104.
(1795)