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Der Bettler
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Jürgen. Woher, mein Herzenskind, so früh im Thau? Die Morgenluft weht kalt, denn kaum bescheint Die Sonne jenes Fichtenberges Wipfel. Mir starrt die Lippe noch; ich bin die Nacht Fast in der Hürd’ erfroren. Herzchen, komm, Und küß mich wieder warm. Marie.                                             Erfroren du? Im Rosenmond? Du Lämmchen! ... Nun gleichviel, Da ist ein Kuß. Jürgen.                          Dir sind die Augen roth! Was fehlt dir, Kleine? Marie.                                    Ach! mein Lieber, hör! Ich strickte gestern Abend in der Laub’, Und dacht’, ich weiß nicht mehr an wen; da kam Der alte lahme Tieß, und bettelte. Nur Dienstag, sagt’ ich, kriegtet ihr ein Brod, Und heut ists Donnerstag? Nicht unverschämt! Tieß wollte sprechen; ich ward bös, und schalt: Gott helf’ euch weiter, Tieß! Der Krüger kann Den Branntwein euch umsonst wohl schenken! Geht! – Hier sah ich seinen kahlen Wackelkopf, Der von der untergehnden Sonne glänzt’, Und eine Thrän’ hing an den grauen Wimpern.
Was ist euch, Vater? Sprecht! „Ach, Jüngferchen! „Ich bettle für den lieben alten Pfarrer, „Den sie uns abgesezt! Er liegt im Wald, „Beym Förster, welcher selbst nichts hat, und darbt!” Gott! sprang ich auf, und hätte Tiessen schier Vor Angst umarmt, ich habe schwer gesündigt! Und raffte Wurst und Schinken, Käs’ und Brod Zuhauf, und pfropft’ ihm seinen Ränzel voll. Nun, Vater, noch ein Schnaps? „Nein, Jüngferchen! „Mein alter Kopf ist viel zu schwach für Schnaps! „Gott lohns!” und humpelt’ auf der Krücke fort. Da hat mir nun die Nacht so schwer geträumt, Daß mir mein Küssen naß von Thränen war; Und wie’s nur tagte, zog ich Wurzeln auf, Die bring ich ihm, nebst diesem jungen Hahn Zum Grünen Jäger hin, damit er heut Recht froh erwache. Jürgen.                                  O mein trautes Herzchen! Da leg die Schafskäs’ auch in deinen Korb, Und sag, heut Abend bring’ ich ihm ein Lamm. Pfuy! Solch ein Mann stirbt Hungers, weil er nur, Was Gott gesagt, nicht Menschensazung lehrt! Kopfhänger ihr! ihr Wölf’ im Schafsgestalt! Doch Gott sey euer Richter! Tieß und du Habt mich so weich gemacht, daß mir so ist, Sonntag, wills Gott, zum Abendmahl zu gehn.
Johann Heinrich Voß. In: MusenAlmanach für 1777. Herausgegeben von Joh. Heinr. Voß. Hamburg: C. E. Bohn [1776], S. 64-66.