Die Andersdenkenden. An Stolberg.
Wohlan! wir bleiben einig,
Und gönnen uns die Ruh’!
Ich sage, dieses mein’ ich;
Und jenes meinest du.
Scheint künftig, was ich meine,
Dir gar zu wunderlich;
So denk’, ob’s anders scheine
Mir selbst, und fasse mich.
Die Worte, Lieber, haben
Oft mancherlei Verstand;
Oft hat man tief gegraben,
Bis man den rechten fand.
Oft sehn wir nur Erscheinung,
Die wir uns selbst verrückt,
Wie besser sich die Meinung
Zum Widerlegen schickt.
Ich pflegte sonst doch billig
Besonnen noch zu sein;
Und jetzo tappt’ ich willig
In Albernheit hinein?
Doch immer werd’, als thöricht,
Was mir vernünftig scheint,
Geworfen in den Kehricht;
Nur nicht als bös, mein Freund!
Dein Bruder meint’s, du Lieber,
Mit Gott und Menschen gut.
Sonst, sage mir, wie hüb’ er
So fröhlich Aug’ und Muth?
Lass denn die bösen Namen
Auf aner, ist und at!
Sie streun des Bösen Samen,
Und dämpfen Rath und That.
Die Summe der Vereinung:
Der Gegner sei geehrt!
Verfolgt sei nur die Meinung,
Die freie Meinung stört!
Komm, edler Freund, wir brechen
Den Bissen Salz und Brot,
Und gehn dabei, und sprechen!
O sieh das Abendroth!
Johann Heinrich Voß. In: Sämtliche Gedichte von Johann
Heinrich Voß. Th. 5: Oden und Lieder. IV.-VI. Buch.
Königsberg: Friedrich Nicolovius 1802, S. 57-59.
(1794)