Voß-Briefe undHellwag-Nachlaß im Ostholstein-Museum

von Axel E. Walter
(Vossische Nachrichten 2/1995, S. 19-22)

Vom 5. bis 8. Oktober1994 fand in den neuen Räumen der Eutiner Landesbibliothek eine Johann HeinrichVoß-Tagung statt. In der geradezu intimen Atmosphäre des Vortragsraumes,liebevoll betreut von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kreis- undLandesbibliothek wurde den Teilnehmerinnen und Teilnehmern dieser Tagung inzahlreichen Vorträgen ein facettenreiches Bild Vossens präsentiert, das sichin durchaus kontroversen Diskussionen, zu denen Voß offenbar immer nochherausfordert, abrundete. Für zwei der Teilnehmer, Dr. Henry Smith und mich,verbindet sich die Erinnerung an diese Tage in Eutin zudem mit einerunerwarteten Überraschung. In einer der Pausen führte uns der Direktor desOstholstein-Museums, Herr Dr. Hahn, freundlicherweise in das Magazin seinesHauses. Dort zeigte er uns nicht nur eine umfangreiche Sammlung Vossischer Werkeund Übersetzungen, unter denen sich beispielsweise Erstausgaben der Odüßee(Hamburg 1781) und der Idyllen (Königsberg 1801) von Voß ebensobefinden wie Ausgaben der Gedichte der Brüder Christian und FriedrichLeopold Grafen zu Stolberg, herausgegeben von Heinrich Christian Boie(Frankfurt und Leipzig 1781) oder von Gerstenbergs Ugolino (Hamburg undBremen 1768). Unsere Aufmerksamkeit fesselten vielmehr dieHandschriftenbestände. So befinden sich im Besitz des Museums verschiedeneBriefautographen von Johann Heinrich Voß, seiner Frau Ernestine, seinesSchwagers Heinrich Christian Boie und v.a. seines Sohnes Heinrich aus den Jahren1780 bis 1822. Von Ernestine Voß sind außerdem zwei Manuskripte vorhanden.Diese Autographen und Briefe sind zumindest intern inventarisiert worden (E.M.1992/6, 1992/7, 2920 bis 2931). Ein anderer Schatz ist in einer Truhe verborgen:dort lagert in insgesamt drei Schubladen der Nachlaß der Familie Hellwag, der -wie es ein dazwischengelegter Zettel verrät - bei Renovierungsarbeiten in einemEutiner Wohnhaus in den 1970er Jahren ans Tageslicht kam. DieserFamilien-Nachlaß blieb bisher unbearbeitet, inzwischen ist er jedoch ebenso wiedie Voß-Bestände des Ostholstein-Museums von Adrian Hummel und Gerda Riedlinventarisiert. Eine Kopie des so entstandenen sechzigseitigen Kataloges, der imMärz erstellt und abgeschlossen wurde und hoffentlich bald publiziert werdenkann, ist mir dankenswerterweise noch rechtzeitig vor der Drucklegung meinesBeitrages zugänglich gemacht worden. Ich war froh darüber, meine bei einemersten, von der Aufregung der Begegnung mit den unbekannten Quellen getragenenDurchsehen notierten Beobachtungen anhand einer systematischen Inventarisierungverifizieren und gegebenenfalls vervollständigen zu können. Der EutinerNachlaß umfaßt Papiere von Mitgliedern der Familie Hellwag von der erstenHälfte des 18. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Ich möchte hier jedoch nurauf die Papiere Christoph Friedrich Hellwags näher eingehen, der zur ZeitVossens eine entscheidende Rolle im geistigen Leben Eutins und des Fürstbistums(seit 1804 Fürstentums) Lübeck gespielt hat.

Der imwürttembergischen Calw 1754 geborene Hellwag war seit 1782 Leibarzt PeterFriedrich Ludwigs von Holstein-Gottorp in Oldenburg, bevor er 1788 nach Eutinübersiedelte, um dort zunächst weiterhin als Leibarzt, von 1799 bis zu seinemTod im Jahre 1835 dann als Stadt- und Landphysikus zu wirken. Hellwag gehörtezu den ganz wenigen Menschen, mit denen Johann Heinrich Voß in seinen letztenEutiner Jahren, die vom endgültigen Zerfall der Freundschaft mit Stolbergüberschattet waren, überhaupt noch Umgang pflegte.(1)Seine Rolle für das geistige Leben in der Sommerresidenz des OldenburgerHerzogs und Fürstbischofs von Lübeck blieb von einer Forschung, die sich stetsauf die "Mitglieder" eines vermeintlichen "Eutiner Kreises"konzentrierte, weitgehend unberücksichtigt.(2)Als Arzt und als Naturwissenschaftler, als Autor und als Volksaufklärergehörte Hellwag jedoch zu den zentralen Gestalten in Eutin und genoß alsMediziner und Gelehrter auch in Deutschland Ansehen. Seine Interessen lageneindeutig auf naturwissenschaftlichem Gebiet. Auf die im Eutiner Nachlaßerhaltene Einladung der Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung, alsRezensent mitzuwirken, antwortete Hellwag:

Ich wollte mich auf deutsche, lateinische und französische Werke einschränken, in der Mathematik auf Arithmetik, Geometrie, Analytiq [sic!] endlicher Größen, und deren Anwendg. auf Physik, in der Medicin auf Physiologie, gerichtliche und z. Policey gehörige Arzneykunde, und Schriften üb. d. Kuhpockenimpfung.

Gerade im letztenBereich, in der Pockenimpfung lag Hellwags Hauptverdienst als praktizierenderArzt. Unter den im Ostholstein-Museum verwahrten Papieren befaßt sich einbeachtlicher Teil mit der Blattern- bzw. Pockenimpfung: Demnach versuchteHellwag spätestens seit 1794 mit obrigkeitlicher Unterstützung die Inokulationgegen Blattern einzuführen und korrespondierte in dieser Sache sowohl mit demdirigierenden Minister Friedrich Levin Graf von Holmer als auch mit Stolberg -von diesen beiden unterzeichnete Briefe vom 21.10.1794 bzw. vom 28.10.1795 habensich im Nachlaß erhalten. Ebenso finden sich dort zahlreiche Krankenprotokolleund auch ein Manuskript Hellwags für einen Aufruf an die Bevölkerung Eutins,die im Januar 1797 verbreitete Schrift Ein Wort über die Blattern an dieguten Einwohner Eutins. Von hiesigen Aerzten, mit der Hellwag dieBevölkerung über die Krankheit und den Nutzen der Inokulation aufklärte.

Aber nicht nur vondiesem ärtzlichen Aufruf sind Manuskripte Hellwags und die späteren Drucke imEutiner Nachlaß zu entdecken, auch von verschiedenen anderen kleinen Schriften,Rezensionen vor allem, besitzt das Ostholstein-Museum Manuskripte und Drucke.Hellwag publizierte in den verschiedensten Zeitschriften, in den EutinischenWöchentlichen Anzeigen ebenso wie im Journal von und für Deutschlandoder im Teutschen Museum, vor allem in späteren Jahren fand er dann dieMuße für umfangreichere Arbeiten wie die Physik des Belebten und Unbelebten(Hamburg 1824) und das in seinem Todesjahr erschienene Werk über NewtonsFarbenlehre aus ihren richtigen Prinzipien berichtigt (Lübeck 1835).(3)Spuren dieser Werke lassen sich ebenfalls im Eutiner Nachlaß verfolgen. Überdie Blattern wurde übrigens auch in der Eutiner Litterärgesellschaft gesprochen,von Hellwags Hand stammt ein entsprechendes Protokoll, nachdem man am 21. Juli1818 über einen in Hamburg erschienenen Aufsatz diskutierte. Hellwag, derbereits in Oldenburg Mitglied der dortigen Literarischen Gesellschaftgewesen war, hatte maßgeblichen Anteil an der Gründung der EutinerLiterarischen Gesellschaft im Jahre 1804. Wie überall hatten sich auch inEutin Angehörige der bürgerlich-adligen Oberschicht in einem geselligen Kreiszusammengefunden, in dem über Literatur verschiedener Bereiche vorgetragen unddiskutiert wurde.(4)

Erhalten haben sich imEutiner Nachlaß außerdem zahlreiche Briefe Hellwags, die vor allemKorrespondenzen mit anderen Ärzten umfassen, u.a. mit dem Oldenburger Stadt-und Landphysikus, dem auch als Schriftsteller bekannten Gerhard Anton Gramberg,und mit Philipp Gabriel Hensler, Professor der Medizin in Kiel.(5)Hinzuweisen bleibt schließlich noch auf ein kleines Konvolut, das"Gelegenheitsgedichte verfaßt von C. F. Hellwag 1768-1772" vereinigt,dichterische Versuche des Schülers in deutscher und lateinischer Sprache.

Ich möchteabschließend auf die Briefe aus dem Umkreis Johann Heinrich Vossenszurückkommen. Von ihm selber stammt ein Brief an Friedrich Matthison, der einerder Beiträger des Musenalmanachs war und 1784 auch als Besucher Vossensin Eutin geweilt hatte. Schwerpunkt der kleinen Sammlung des Ostholstein-Museumssind jedoch insgesamt neun Briefe von und an den zweitgeborenen Voß-SohnHeinrich.(6)Allein fünf Briefe richten sich an den v.a. als Übersetzer bekannten JohannDiederich Gries, der während seines Heidelberger Aufenthaltes zwischen 1806 und1808 im Vossischen Haus verkehrt hatte. Ein anderer Brief galt dem von HeinrichVoß geschätzten Dichter Jean Paul, ein weiterer ging an seinen Bruder AbrahamVoß. Aus dem Dezember 1799 schließlich datieren zwei Briefe seiner Mutter anHeinrich, der zu dieser Zeit die Universität Halle besuchte. EinenBeileidsbrief zum Tode Heinrich Vossens (1822), den Charlotte von Schiller anErnestine Voß sandte, findet sich ebenfalls unter den Briefen dieses Bestandes.Dessen ältester Brief rührt von der Hand Heinrich Christian Boies, VossensSchwager, her und ist an den Juristen und Schriftsteller Christian LudwigStelzer adressiert.

Wie auch für denHellwag-Nachlaß gilt es im Rahmen dieses kleinen Beitrags lediglich, dieseBriefe einem breiteren Kreis bekannt zu machen. Sie seien deshalb in einemVerzeichnis zusammengestellt, dessen Ordnung sich nach den Signaturen desOstholstein-Museums richtet:

H. C. Boie an C. L.Stelzer, Hannover, 4. Oktober 1780 (E.M. 1992/6)
J. H. Voß an F. Matthisson, Eutin, 28. September 1793 (E.M. 1992/7)
C. v. Schiller an E. Voß, o.O., o.D. [1822] (E.M. 2920)
J. H. Voß an A. Voß, o.O., 11. März 1821 (E.M. 2921)
H. Voß an J. D. Gries, o.O., 30. Mai 1820 (E.M. 2922)
H. Voß an J. D. Gries, Heidelberg, 9. Januar 1816 (E.M. 2923)
H. Voß an Jean Paul, Heidelberg, 28. Juli 1819 (E.M. 2924)
H. Voß an J. D. Gries, Heidelberg, 1. August 1819 (E.M. 2925)
H. Voß an J. D. Gries, Heidelberg, 22. Mai 1820 (E.M. 2926)
H. Voß an J.D. Gries, Heidelberg, 23. Juni 1820 (E.M. 2927)
E. Voß an H. Voß, Eutin, 1. Dezember 1799 (E.M. 2928)
E. Voß an H. Voß, Eutin, 15. Dezember 1799 (E.M. 2929)

Hinzu kommen vonErnestine Voß handschriftliche Erinnerungen an ihren Ehemann (E.M. 2930), diem.W. in dieser Form bisher ungedruckt sind, und ein zwei Bogen füllendes Stückaus den Erinnerungen Ernestine Vossens (E.M. 2931), die als Beilage der vonAbraham Voß herausgegebenen Briefausgabe seines Vaters veröffentlicht wurden.(7)Hier ist es interessant zu sehen, daß zwischen dem Manuskript und dem Druckteilweise textliche Unterschiede bestehen, wobei die gedruckte Version insgesamtetwas kürzer ausfällt. Das Manuskript Ernestine Vossens wurde also für dieDrucklegung noch bearbeitet.

Dieser Bericht solltenur eine erste Mitteilung über die im Eutiner Ostholstein-Museum lagerndenHandschriftenbestände geben, er diente sozusagen der Fundsicherung. Es stehtnun zu hoffen, daß diese Quellen, die H. Smith und mir im Oktober zum erstenMal präsentiert wurden, nicht länger im Verborgenen ruhen, sondern von derForschung genutzt werden, zumal jetzt mit der Inventarisierung des Bestandesdurch A. Hummel und G. Riedl der Zugriff auf diese Bestände des EutinerOstholstein-Museums wesentlich erleichtert ist.

1 Vgl. den Brief Vossens an J.A.P. Schulz vom 21. Januar 1798 (Briefwechsel zwischen Johann Abraham Peter Schulz und Johann Heinrich Voss. Hrsg. v. Heinz Gottwaldt und Gerhard Hahne. Kassel, Basel 1960, S. 171): "So weit bin ich, daß ich gar in keine Gesellschaft mehr gehe, um nicht da zu sein, wo ic