Vossens Verhältnis zurReligion

von Walter Müller
(Vossische Nachrichten 3/1996, S. 21-25)

Eine unscheinbare Fußnote inKarl Boies Beitrag über Johann Heinrich Vossens Vor- und Nachfahren(1)rückte die Abhandlung von Lic. Dr. Karl Aner über Vossens Verhältnis zur Religion indas Blickfeld.(2) Die nicht leichte Zugänglichkeit dieser Abhandlungrechtfertigt es, sie in ihrem wesentlichen Inhalt vorzustellen, weil sie – wie KarlBoie schon hervorhob – die Herbstsche Biographie(3) in einemwichtigen Bereich ergänzt und versucht, Vossens religiöse Seite auszuleuchten.

Aner hatte seinen Beitrag zurErinnerung an den 100. Todestag von Johann Heinrich Voß verfaßt. Ihm war die HerbstscheBiographie zwar das Standardwerk der Voß-Forschung – was sie wohl auch heutenoch ist. Seiner Auffassung nach hatte Herbst aber die Aufklärung „schief"beurteilt, wodurch ihm der Zugang zur inneren Gestalt Vossens verschlossen geblieben sei.(4) Aner wollte der inneren Gestalt Vossens Konturen geben, indem er ihn inseiner „religiösen Eigenart" zu erfassen und beispielhaft an ihm diereligiösen Tendenzen und Besitztümer des Zeitalters der Aufklärung zu veranschaulichensuchte.

Unverfälschte ReligiositätVossens begegnet zuallererst in dessen Liebesbriefen an seine Braut Ernestine.(5)So schreibt er in seinem Brief vom 16. Juni 1774: „Ich denke doch fast den ganzen Tagan Sie. [...] Wenn ich aufstehe und schlafen gehe, ist mein erster Gedanke ein Dank zuGott für seinen Schutz, und für das Mädchen, das er mich hat kennen lassen. Und dannist mir so wohl, als wenn ich einem Freunde mein Herz ausgeschüttet hätte. Der Freigeistist schon gestraft genug, daß er die Süßigkeit, mit Gott vertraut zu reden, niegeschmeckt hat."(6)  Die Liebesbriefe waren seinerzeit ohnejede literarische Absicht verfaßt worden und dürfen deshalb als ehrlich gemeinteLebensäußerungen gelten, mit denen Voß keinen anderen Zweck verband, als sich seinerGeliebten zu öffnen. Ein möglicher Einwand, Voß habe sich durch die häufigenBerufungen auf Gott lediglich auf Ernestinens Frömmigkeit, die ihr durch ihr Elternhaus(ihr Vater war Pastor) vermittelt worden war, einzustellen versucht, läßt sich leichtwiderlegen. Denn Ernestine bezeugt im Nachtrag zu Vossens Jugenderinnerungen, zu seinenliebsten Gesprächsthemen habe gehört, auf seinem Lebenspfade die leitende Hand zuentdecken, die ihn und seine Familie, wenn auch auf rauhen und unangenehmen Wegen, zu demgeführt habe, was später als das wahre Glück anerkannt worden sei.(7)

Es würde zu kurz greifen, diesesGottvertrauen mit einem Glauben an vernunftgemäßes Denken und Handeln im Sinne einesaufgeklärten Rationalismus gleichzusetzen. Mit Vossens Bekenntnis zum ‚Guthandelnals schlechterdings einziger Religion’(8) und seinem Eintreten fürbürgerliche Emanzipation(9) ist seine religiöse Seite nichtannähernd erfaßt. Wie wollte man mit einem nüchternen Glauben an die Vernunft seinenimmer wieder beschworenen Glauben an die Aufnahme von Seele und Geist in Gottes Reich inEinklang bringen?(10) Wie sollte man seinen Brief vom 24. Oktober 1822an den Sohn Hans über den Tod von Heinrich einordnen, in dem es u.a. heißt:„Heinrichs Geist war vollzeitig; des Leibes Hülle war hemmend. Gott, der Allweise,der Allliebende, hat den edlen Geist aus der Verdumpfung ins Freie versetzt, ingedeihlicheren Boden und sonnige Luft. Ihn in jene geliebte Hülle zu unszurückzuwünschen, wäre Unverstand, Unglaube an Gott. Wir müssen schon hier unsaufrichten zu einem wehmütigen getrosten Ausruf: Gelobt sei der Herr, der die Weltenlenkt, und die Seelen aus Verdämmerung zum Lichte führt, durch die Lehren seinesgöttlichen Gesandten. Dorthin folgen wir dem Geschiedenen, und beten an. DeinVater"?(11)

Aner dürfte den Schlüssel fürden scheinbaren Widerspruch gefunden haben. Voß unterschied zwischen der sich nach außenzeigenden Religiosität – die im wesentlichen als „Guthandeln" inErscheinung tritt – und dem inneren Wesen der Religion als einer Erhebung desmenschlichen Geistes zum Ewigen – also einem Phänomen seelischer Innerlichkeit.(12) Wahrhafte Gottesverehrung war für Voß in erster Linie die „guteTat". Eine Ablehnung kirchlicher Gottesdienste war damit nicht verbunden. Er schriebfür Gottesdienste sogar eigene Kirchenlieder,(13) die sein FreundJohann Peter Abraham Schulz (1740-1800) vertonte und die Eingang in das oldenburgischeGesangbuch fanden.(14) 

Aufschluß geben insoweitErnestines Allgemeine Andeutungen über Voß.(15) BeimGottesdienst ging es ihm um „die wahre Hebung des Herzens zu Gott, die die wahreGrundlage geben soll, Gott wohlgefällig zu leben, das Gute zu thun und das Böse zumeiden".(16) Die Auferstehung war ihm nach Ernestines Wortenwichtig; er erwartete geradezu vom Pfarrer eine Predigt, die der Gemeinde die Gewißheitvermittelte, „nicht im Grabe zu enden".(17) Auch im übrigenzog er die biblische Überlieferung nicht in Zweifel – Christus ist ihm derGottessohn, der göttliche Sohn der Maria.(18) Lediglich die Lehre vonder Erbsünde erschien ihm nicht nachvollziehbar.(19) 

Vossens bekannte Angriffe gegendie Kirche zielen mithin nicht auf die Religion, sondern auf deren Mißbrauch durch diekirchliche Hierarchie. Er wurde nicht müde, seine Stimme gegen deren Versuche zu erheben,unlegitimierte Macht und Privilegien zu sichern. Diese Versuche nahm er vor allem in derkatholischen Kirche wahr, die ihm als die Kirche des Unsinns und der Unfreiheit erschien.Deshalb seine Begeisterung für Luther, den er als Befreier der Menschen aus katholischerKnechtschaft wiederholt in seinen Gedichten pries.(20) Der erste großeBefreier aber war ihm Christus. Durch Christus war an die Stelle dumpfer Gesetzlichkeitdas Liebesgebot und damit die Freiheit getreten. Dann aber habe die Kirche eine neue Lehreersonnen, den Glauben von der Vernunft geschieden und die Macht über den Geist gesetzt.Demgegenüber habe Luther mittels der Vernunft und der Worte der Bibel wieder Freiheit undGeistesmacht erstritten.(21) Daran knüpfte Johann Heinrich Voß an,wenn er Intoleranz und Geistesknechtschaft in der Kirche bekämpfte.

Für Aner repräsentiert JohannHeinrich Voß die „laientümliche Gestalt der die zweite Phase bzw. das mittlereStadium der Aufklärung bildenden Neologie".(22) Über denFormalismus eines Frühaufklärers war Voß weit hinausgewachsen, ohne bereits alsRationalist gelten zu können. Denn ihm war die Religion kein Willensakt. Die Auffassung,Gott durch den Verstand begreifen zu können, war ihm fremd. Glaube war ihm gerade auchein Spähen nach der Wahrheit Höhen, „so weit die Höh’ uns spähenläßt".(23) Insoweit wird man Aner beipflichten können, wenn ermeint, in Vossens Gefühlsleben sei die Religion eine starke Kraft gewesen.(24)

In seinem im Alter von 44 Jahren1795 verfaßten Gedicht Gebet (25) hat sich Johann Heinrich Voßeindeutig zu seiner Religiosität bekannt. Das Gedicht sei hier vollständigwiedergegeben, weil es sein religiöses Erleben widerspiegelt – die Herzensreligiondes Vorsehungs- und Ewigkeitsglaubens, die Seelenpflege ohne mystische Exaltiertheit, dieBetonung einer rein humanen Moral, die Gleichgültigkeit gegen das Dogma und den Abscheugegen Unvernunft und Glaubenszwang.

           Gebet

Vor Dir, o Gott, zu beten,
In Freuden und in Nöthen,
Erfrischet Mut und Kraft.
Der Geist des Staubes schwingt sich höher,
Und ahndet Deine Gottheit näher,
Dem eitlen Tand’ entrafft.

Du Naher, du bemerkest
Mein Innerstes, und stärkest
Mein Leiden und mein Thun.
Geschehn, o Vater, soll Dein Wille!
So ruft die Seel’, und harrt in Stille;
Und alle Stürme ruhn.

Du schützest, denk’ ich deiner,
Vor Übermut, du Reiner,
und stolzer Demut mich.
Ein knechtisch abgezähltes Flehen,
Der Hände Spiel, der Augen Drehen,
Entehrt, o Vater, dich.

Erleuchte mein Verständnis,
des Ewigwahren Kenntnis
In reinem Licht zu schaun;
Nicht Satzungen, die heute walten
Durch Stimmenmacht und morgen alten,
Mich gläubig zu vertraun!

Nicht streb’ ein dumpfer Glaube
Zum Himmel, wie zum Raube;
Mit Geist sei ich getauft!
Nicht werde durch die lose Sühnung
Der selbstgewählten Abverdienung
Das Himmelreich gekauft!

Dir, Gott, wird nicht gedienet,
Noch wird Dein Zorn gesühnet,
Allselig höchstes Gut!
Sich selber baut die Himmelsleiter,
Wer, hell von Geist, im Herzen heiter,
Nach Deinem Willen thut!

Vergib dem Himmelskäufer,
Der, Gott, mit Glaubenseifer
Vor dir in Demut strotzt!
Der fromm um deiner Rach’ Entflammung,
Um Andersmeinender Verdammung
Um Wundergaben trotzt!

Vergib ihm, wer dem Segen
Des jungen Lichts entgegen
Um altes Dunkel bat!
Wer bald ein Peiniger der Brüder
Durch Seufzen ward, bald herrisch nieder
Mit Priesterstolz sie trat!

Vergib, wenn ich verzagte,
Und im Geheim dir klagte
Des jungen Lichts Gefahr;
Du bändigst des Verfinstrers Dünkel!
Er brüte seine Nacht im Winkel;
Dein Licht wird offenbar!

Vergib, wann, leer des Mutes,
Um Böses, wie um Gutes,
Ich oft dich angefleht!
Ich will und kann dein Thun nicht hindern!
Doch gönne du, zum Trost den Kindern,
Auch thörichtes Gebet.

 

 

1 Karl Boie: Johann Heinrich Voß. Seine Vor- und Nachfahren. In: Nordelbingen 6 (1927), S. 494-508, hier: S. 500, Anm. 5.

2 Karl Aner: Johann Heinrich Voß. Eine kirchengeschichtliche Säkular-Erinnerung. In: Theologische Studien und Kritiken, 100 (1927/28), H. 1, S. 103-153. Der Bibliothek der Kirchlichen Hochschule Wuppertal möchte ich an dieser Stelle für die Beschaffung nochmals danken. – Der Verfasser wird häufig unter der falschen Namensform „Auer" geführt.

3 Wilhelm Herbst: Johann Heinrich Voß. 3 Bde. Leipzig 1872-76 (Reprint Bern 1970).

4 Aner (wie Anm. 2), S. 106, Anm. 4.

5 Briefe von Johann Heinrich Voß nebst erläuternden Beigaben. Hrsg. v. Abraham Voß. 3 Bde. Halberstadt 1829-33. (Reprint Hildesheim, New York 1971).

6 Ebd., Bd. 1, S. 250 Mitte.

7 Ebd., S. 49.

8 Brief an Brückner vom 20. Juni 1784. Ebd., S. 207.

9 Rede beim Antritte des Eutiner Rectorats (1782) und Erziehungskunde (1804). In: Johann Heinrich Voß: Ausgewählte Werke. Hrsg. v. Adrian Hummel. Göttingen 1996, S. 260 u. 284.

10 Vgl. Johann Heinrich Voß: Sämtliche Gedichte. Königsberg 1802, Bd. 4, S. 6: Auf den Tod meines Bruders; Bd. 4, S. 83: Trost am Grabe; Bd. 4, S.225: Das Begräbnis und Bd. 6, S. 12: Begräbnislied.

11 Briefe (wie Anm. 5), Bd. 3, Abt. 1, S. 227f.

12 Aner (wie Anm. 2), S. 113f.

13 S. z.B. Am Neujahrstage. Für den Kirchengesang. In: Sämtliche Gedichte (wie Anm. 10), Bd. 4, S. 100.

14 Z.B. das Kirchenlied Nr. 413 im Gesangbuch für das Herzogthum Oldenburg von 1792, das unter der Nr. 121 noch im oldenburgischen Gesangbuch von 1901 enthalten war.

15 Briefe (wie Anm. 5), Bd. 3, Abt. 2, S. 69-104.

16 Ebd., S. 85.

17 Ebd., S. 92; s. auch das Lied: Empfang des Neujahrs. In: Sämtliche Gedichte (wie Anm. 10), Bd. 4, S. 95.

18 S. das Epigramm Buchstab’ und Geist. In: Sämtliche Gedichte (wie Anm. 10), Bd. 6, S. 334.

19 Wilhelm Herbst (wie Anm. 3), Bd. I, S. 189.

20 Vgl. u.a. Sämtliche Gedichte (wie Anm. 10), Bd. 4, S. 58: An Luther; Bd. 5, S. 39-41: Die Kirche; Bd. 6, S. 15: Lutherssinn.

21 Aner (wie Anm. 2), S. 116.

22 Ebd., S. 119, 143f.

23 Sämtliche Gedichte (wie Anm. 10), Bd. 5, S. 95-97: Der Klausner.

24 Aner (wie Anm. 2), S. 145.

25 Sämtliche Gedichte (wie Anm. 10), Bd. 5, S. 161. Zur besseren Lesbarkeit ist die Orthographie angepaßt. – In seiner Auswahl der letzten Hand hat Voß dieses Gedicht nur unwesentlich überarbeitet (Sämtliche Gedichte. Auswahl der letzten Hand. Königsberg 1825, Bd. 4, S. 20-23).

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