"... Ulyssens ward entbunden in Otterndorfe der blühende Rektor."
von Martin Grieger
(Vossische Nachrichten 3/1996, S. 9-16)
Die Fehde zwischen dem Leipziger Literaturprofessor Gottsched und den Schweizer Gelehrten Breitinger und Bodmer um dichtungstheoretische Positionen lag bereits Jahrzehnte zurück, dennoch stand Johann Jacob Bodmer, der Verfasser der Noachide, der Anreger und Förderer Klopstocks, bei der jungen Dichtergeneration der siebziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts in hohemAnsehen. Die Rheinreise der beiden Grafen Stolberg mit dem jungen Frankfurter Advokaten Goethe führte sie im Juni 1775 auch zu Bodmer. Die verspielten Minnelieder der Musenalmanache kann man als direkte Folge der Hinweise Bodmers auf die mittelhochdeutsche Dichtung lesen. Doch in diesem Verhältnis gab es auch Spannungen, wie das Beispiel Voß zeigt.
Bekannt ist, daß die Idylle Der siebzigste Geburtstag, die Voß Bodmer widmete,1 auf schroffe Ablehnung stieß. Kühl antwortete Bodmer in dem Gedicht Der Untergang der berühmten Namen. Daß Bodmer sich bereits ein Jahr zuvor kritisch über Voß äußerte, ist dagegen weitgehend unbemerkt geblieben.2 In der 1780 erschienenen SchriftDer gerechte Momus heißt es über Voß:
Vosens Spannen / des Ulysses-Bogens.
Vos in dem Stolze der Seele sprach: wofern wir an Kräften
Stolberg, Geddike, Bürger, wenn wir an Marke so arm sind,
Daß wir Ulyssens Bogen nicht spannen, den dieser gespannt hat,
Der in dem achzigsten Sommer, die Aehren sich reifen gesehn hat,
O so wird unsrer Schande die späteste Nachwelt gedenken,
Sprach er, und hieß den Wieland, ihm Feuer bringen vom Heerde
Eine Stierhaut auf einen Stuhl, und ein Schnittgen von Unschlitt
Vor sie legen, und Geddike sollte geflissen das Fette
Ueber dem Feuer wärmen, die Senne damit zu bestreichen.
Also fort bracht ihm Wieland vom Heerde Feuer, er legte
Ueber den Stuhl die Haut, das Schnittgen Unschlitt daneben
Und nun wärmete Geddike bey dem Feuer das Unschlitt;
Jetzo prüffte sich Vos mit der wolbestrichenen Senn;
Vos von Otterndorf grünete noch in der Fülle der Jahre,
Sie zu ziehen entflammt, gebrach es ihm nicht an Nerven,
Zog mit dem nervigten Arm so stark die bestrichene Saite
Daß sie zersprang. Laut schrien Wieland und Geddik und Bürger;
Also hat Alexander den gordischen Knoten zerschnitten,
Und das Orakel mit Witz erfüllt, da die Kunst ihm fehlte;
Ha! wie freuen wir uns den Alten besiegt zu sehen.3
Die Schrift erschien zwar anonym, doch die Verfasserschaft Bodmers ist unverkennbar. Sie steht im Zusammenhang mit jenem eigentümlichen Wettstreit um den Deutschen Homer, der um 1780 entbrannt war. Bodmer selbst hatte 1778 seine Übersetzung der Ilias und der Odyssee in Hexametern herausgegeben,4 nachdem er sich jahrzehntelang um eine adäquate Übertragung bemüht hatte. Erste Proben hatte er bereits 1755 in den Fragmenten in der erzählenden Dichtart veröffentlicht. Auf dem Buchmarkt traf seine Übersetzung mitder ebenfalls hexametrischen Ilias-Übersetzung Friedrich Leopold Stolbergs5zusammen, so daß ein Vergleich beider nicht ausbleiben konnte. Auch Gottfried August Bürger hatte 1771 Proben einer Übersetzung der Ilias, allerdings in Jamben,veröffentlicht6 und eine vollständige Übertragung des Epos angekündigt. Zu beiden findet sich in Bodmers Schrift, die kaum verhüllt der Rechtfertigung der eigenen Übersetzung und der Auseinandersetzung mit den Kritikern und Konkurrenten dienen sollte, jeweils ein Abschnitt.
Zwar erschien Voß Odyssee-Ausgabe erst 1781, doch da er bereits in verschiedenen Zeitschriften Proben dieser Übersetzung veröffentlicht hatte und durch Ankündigungen in Zeitungen um Subskribenten für die Buchausgabe seiner Übersetzung warb, hatte er längst seinen Platz in der Reihe der Mitbewerber eingenommen. Daß Bodmer sich mit Voß in zwei Abschnitten auseinandersetzt, mag ein Hinweis auf den Stellenwert sein, den er diesem Konkurrenten beimaß.
Den unmittelbaren Anlaß für Bodmers Tadel an dem Otterndorfer Rektor könnte ein Artikel in Heinrich Christian Boies Zeitschrift Deutsches Museum7 geboten haben, in dem Voß eine Rezension in Nicolais Allgemeiner Deutscher Bibliothek8 einer kritischen Untersuchung unterzogen hatte. Der Rezensent Johann Bernhard Koehler hatte beim Vergleich der beiden 1778 erschienenen Ilias-Übersetzungen zwar Stolberg bescheinigt, seine Übertragung sei bisweilen treuer und genauer, doch Bodmers biete "bessere Hexameter und einen epischern, affektvolleren Ausdruck."9 Voß unterwarf ihn einem scharfen Verhör, zerpflückte die Verbesserungsvorschläge, die Koehler an Stolbergs Hexametern, aber auch an einigen Bodmers angebracht hatte, und bestritt, daß die Griechisch-Kenntnisse des Rezensenten und sein Wissen über den Bau des Hexameters ausreichten, um kompetent die Übersetzungen beurteilen zu können. Diese Untersuchung eröffnete eine Reihe von Verhören gegen Rezensenten der Allgemeinen Deutschen Bibliothek10 und löste einen Streit mit dem Verleger Nicolai aus, der erst mit dem Erscheinen der Odyssee endete.
Zwar betonte Voß ausdrücklich, erhabe über den Wert der beiden Übersetzungen kein Urteil fällen wollen.11 Indem er das Lob des Rezensenten für Bodmer relativierte und Stolbergs Leistung betonte, zeigte er jedoch deutlich genug, welche Übersetzung seinen Vorstellungen näher kam. Aber genügt die Verstimmung, die möglicherweise bei dem Älteren gegenüber der Entscheidung des Jüngeren entstanden war, um zu begründen, daß Voß zur Zielscheibe der Parodiegemacht wurde? Bei der Suche nach Bodmers Einwänden gegen Voß Übersetzung sollte der Text selbst nicht übergangen werden.
Die Pointe, die Bodmer aus dem Verknüpfen der Bogenprobe des heimkehrenden Odysseus mit dem aus der Alexander-Sagebekannten Durchschlagen des gordischen Knotens bezieht, unterstreicht das Scheitern des Herausforderers. Dessen großspuriges Wesen, selbst die tatkräftige Unterstützung durch bekannte Persönlichkeiten können nicht verdecken, daß sein Vorhaben mißlungen ist. Man könnte den Abschnitt als Anspielung auf Voß Ankündigung der Odyssee-Übersetzung12 deuten. Da auch durch eine Verlängerung der Subskriptionsfrist nicht genug Subskribenten zusammengekommen waren, um ohne finanzielle Gefährdung die Herausgabe der Übersetzung im Selbstverlag wagen zu können, hatte Voß in der Nachricht von der Deutschen Odüssee13 bekannt gegeben, daß die geplante Veröffentlichung aus Sorge vor Nachdruckern unterbleiben müsse. In den Augen der Öffentlichkeit konnte dieses Eingeständnis durchaus den Eindruck hinterlassen, Voß sei mit seinem Vorhaben gescheitert.
Doch die Stellung, die ihm Bodmers Text im Kreis der handelnden Personen einräumt, steht in einem auffälligen Kontrast zum Bild des Scheiternden. Während Voß den Vordergrund der Szene beherrscht, übernehmen die Mitbewerber Stolberg und Bürger, aber auch Bodmers früherer Schüler Christoph Martin Wieland, der eine Probe der Odyssee in den Teutschen Merkur aufgenommen und die Übersetzung begrüßt hatte, nur Hilfsfunktionen.14 Trotz des Fehlschlags des Subskriptionsprojekts sah Bodmer in Voß offensichtlich noch immer einen ernstzunehmenden Konkurrenten. Dieser Eindruck wird verstärkt, wenn auch die anderen Erwähnungen in dem schmalen Büchlein in die Betrachtung einbezogen werden. Im Abschnitt über Stolberg ist es Voß, der das entscheidende Werturteil ausspricht, Voß Lachen klingt durch die Jamben der auf Bürger zielenden Blankverse, und der Abschnitt über Herder mündet in den Hinweis auf Voß Odyssee-Übersetzung. In dem Kreis dieser Vertreter der jungen, stürmischen Generation kann Voß sich durchaus behaupten.
Wiederholt thematisiert Bodmer den Gegensatz von Jung und Alt, von Erfahrung und ungestümer Kraft. Doch reichen diese Hinweise, um Bodmers Text ausschließlich unter dem Gesichtspunkt des Generationskonflikts zu deuten? Steckt in der Pointe vom Durchschlagen des gordischen Knotens auch der Vorwurf, Voß versuche mit jugendlicher Unbeherrschtheit ein Problem aus der Welt zu schaffen, das nur mit abgeklärter Besonnenheit und Geduld zu lösen sei? Mußte es nicht irritieren, daß der Jüngere in relativ kurzer Zeit die Übersetzung eines Werkes vorlegen konnte, die dem älteren Bodmer Jahrzehnte abgefordert hatte? Auch der zweite sich gegen Voß richtende Abschnitt des Momus läßt den Generationsgegensatz anklingen.
Vos Ulysses.
Kittel und Hemd, und beydes zerlumpt, hängt mir von der Schulter
Wollte Gott! Ich grünte noch izt in der Fülle der Jahre,
In der heut noch der Rektor Vos von Otterndorf grünet,
Ach dann schenkte mir wol in seiner Hütten ein Sauhirt
Einen Mantel. Die Gab erfreute dann unser Einen;
Schwimmen würd ich mit beyden Händen zun Wolken aufrudernd
Einsam lebt ich so gern bei den Schweinen; doch jeglicher Sauhirt
Hat nur einen Rock, der Männer-Beherrscher Eumäus
Selbst nur einen, und schläft nicht fern von den Schweinen in Bette
Möcht ich wie Er auch bey den Hauerbewafneten schlafen!
Gerne spaltet ich Holz wie Er mit dem grausamen Ertze.15
Der Text bezieht sich auf die im Februarheft 1779 des Teutschen Merkurs veröffentlichte Übersetzungsprobe des 14.Gesangs der Odyssee.16 Beispielhaft läßt sich an ihm Bodmers Technik der Parodie beobachten. Fast wörtlich wiederholt er die kritisierten Formulierungen, um den Leser auf den beanstandeten Sachverhalt zu stoßen. Er bevorzugt feine, leise Töne, die nicht verletzten sollen, um seine Kritik vorzutragen. Von Georg Christoph Lichtenberg, dessen Kritik sich nicht mehr auf die Schreibweise griechischer Namen in deutschen Texten beschränkte, mußte sich Voß zur gleichen Zeit wesentlichschärfere Töne gefallen lassen. Um so genauer muß man hinhören, um Bodmers Motive der Kritik zu erfassen.
Nicht persönliche Abneigung beherrscht Bodmers Kritik, noch rührt sie aus philologischen Vorbehalten her. Die bereits veröffentlichten Proben der Odyssee-Übersetzung konnten hinlänglich davon überzeugen, mit welcher historischen und philologischen Sorgfalt Voß sein Übersetzungshandwerkbetrieb. So fehlen, anders als bei Stolberg, Hinweise Bodmers auf Fehler der Übersetzung. Der Momus äußert keinen Zweifel an der übersetzerischen Kraft, an dem"Nerv" des Probanden. Ein wenig Neid auf diese jugendliche Stärke wird man nicht leugnen können, doch darin äußert sich kein Brotneid, der dem Jüngeren den Erfolg nicht gönnt. Vielmehr kann Heinrich Christian Boie am 12. Februar 1781 seinem Schwager Voß die Mitteilung zukommen lassen: "Bodmer schreibt mir neulich: ich bedaure sehr daß Voßens Odyssee und zugleich der Kommentar im Pult bleiben; die deutsche Welt ist Wezels und Klingers. Meiner überarbeiteten Ilias fehlts bloß an einem Verleger, ob ich gleich keine Bezahlung verlange."17
Die Erwähnung der Schriftsteller Johann Karl Wezel und Friedrich Maximilian Klinger in diesem Zusammenhang macht deutlich, wodurch Bodmer den literarischen Markt gestört sah. Er stimmt nicht in die Klage überden verderbenden Einfluß der trivialen Vielschreiber auf den literarischen Geschmack des Publikums ein. Sondern für ihn stehen die beiden Autoren, der eine auf dem Gebiet des Dramas, der andere auf dem Gebiet des ohnehin kaum durch poetische Regeln gebändigten Romans, stellvertretend für jene in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts auftretende Dichtergeneration, deren scheinbar überbordende Phantasie nicht mit den Regeln der bis dahin gültigen aristotelischen Poetik zu fassen ist. Erst die Beherrschung der poetischen Regeln macht in Bodmers Augen das literarische Kunstwerk aus. Genau in diese Richtung führt daher auch die Begründung, die er für das Scheitern der Bogenprobe gibt: "da die Kunst ihm fehlte". Bodmer sieht Voß Talent durch poetische Regellosigkeit gefährdet.
In der Schrift Der Untergang der berühmten Namen hat Bodmer Klage darüber geführt, daß die anerkannten Dichter durch junge, regelverletzende Schriftsteller verdrängt würden. Sie enthält auch, wie bereits eingangs erwähnt, Bodmers Reaktion auf Voß Idylle Der siebzigste Geburtstag, die mit einer Widmung an Bodmer im Musenalmanach für 1781 veröffentlicht worden war. Über Voß heißt es da:
Voß von Otterndorf scharrt mit Marie aus dem ofen die kolen,
Wehet die glut mit dem balg und schimpfet hustend den rauch aus,
Langet die kaffeemühl herab vom gesimse des schornsteins,
Schüttet bohnen darauf, und nimmt sie zwischen die kniee,
Hält mit der linken sie fest und dreht den knopf in der rechten;
Aber bald hält er mitten im lauf die rasselnde mühl an,
Daß er Marien befehle, den hund in den holzstall zu sperren.18
Die Erklärungen verdeutlichten seine Einwände:
Er [Voß] thut dieses in den Hexametern, der siebzigste Geburtstag betitelt, mit den nämlichen Versen; in des Tenier Manier, der blutige Kalbsköpfe, Nierenbraten und geschundene Hasen gemahlt hat. Wir erkennen hier Vossens geisselnden Sarkasme nicht, den der junge Cramer zum Hauptcharakter seiner Poesie machet.19
Nun wird man in Voß Siebzigstem Geburtstag wohl vergeblich "blutige Kalbsköpfe, Nierenbraten und geschundene Hasen", wie sie auf Stilleben des flämischen Malers David Teniers dargestellt sind, suchen. Dieser Einwand muß im Zusammenhang mit der Geschmacksdiskussion der Aufklärung gesehen werden. An dem Bemühen, den guten Geschmack, der nicht nur ästhetische, sondern auch politische und moralische Kategorien vereinigte, als literarische Norm zu befestigen, hatte sich vor allem auch Bodmer beteiligt. Die Darstellung des Alltäglichen empfand er ebenso als Verstoß gegen den guten Geschmack wie die Wiedergabe des Grausamen.
Die Verwendung des Hexameters, die der erste Satz der Erklärungen so betont, steigert noch das Vergehen. Denn für Bodmer ist der Hexameter das Versmaß des Epos. Mag in einer Satire, die Schwächen und Fehler eines Gegners geißeln soll, eine überzeichnende, unharmonische Darstellung zulässig sein, so ist sie mit den poetischen Regeln des Epos nicht vereinbar. Im fünften Kapitel seiner Poetik hatte Aristoteles die Epik mit der Tragödie gleichgesetzt, da beide edle Dinge nachahmten. Damit galt auch für die Epik, was im zweiten Kapitel zur Unterscheidung der Tragödie von der Komödie gesagt wurde, sie ahme edlere Menschen nach, als sie in Wirklichkeit seien.
Die im Teutschen Merkur als Probe abgedruckte Szene bei Eumaios ist für Bodmer daher kaum vereinbar mit den Grundzügen seiner Poetik. Die Darstellung eines in der Nähe seiner Schweine schlafenden Hirten, dem zudem das Attribut Männer-Beherrscher beigelegt ist, verstößt nicht nur gegen den guten Geschmack, sondern verletzt auch das Prinzip der Nachahmung edlerer Menschen.
Verursacht habe solch eine Vernachlässigung der aristotelischen Regeln bei der Übersetzung Homers, so Bodmer in dem Herders Meinung überschriebenen Abschnitt des Momus, Herder. Der hatte in der Vorrede zum zweiten Teil der Lieder der Völker, indem er eine Unterscheidung zwischen der Epopöe als Kunstform und der Volksdichtung Epos machte, Homers Epen als Volkslieder, nicht als Kunstdichtung bezeichnet. Das von Homer verwendete Versmaß Hexameter sei nicht kunstreich ersonnen, sondern entspringe der natürlichen Volkssprache. Nach Bodmers Ansicht hat diese Einschätzung der homerischen Dichtung als Volksdichtung die Welle von Homerübersetzungen, zuletzt eben auch Voß Übertragung der Odyssee, freigesetzt, denn durch diese Einordnung seien sie den Regeln der aristotelischen Poetikenthoben.
Wenn man mit Herder die Odyssee zur Volksdichtung erklärt, wer sollte dann noch verlangen können, der Schweinehirt Eumaios solle edler dargestellt werden, als die Menschen in Wirklichkeit zu finden sind. Für Bodmer hat die Forderung der aristotelischen Poetik nach der Darstellung edler Menschen auch eine ständische Komponente. So werden bei ihm die antiken Helden zu Angehörigen des Adelsstandes, Nausikaa wird zum "Fräulein", Priamos zum "ältlichen Herrn", selbst Kalypso wird als "göttliche Dame" und "durchlauchte Frau" angesprochen.20
Es würde sich durchaus lohnen, Bodmers Homer-Übersetzungen eingehender zu untersuchen, welche Auswirkungen seine poetischen Vorstellungen auf die Übersetzungspraxis hatten. Vor einer solchen Untersuchung, die hier nicht vorgelegt werden kann, müssen die vorgetragenen Deutungsansätze als Hypothesen gelesen werden.
Voß teilt offensichtlich Herders Ansicht nicht. Für ihn ist der sprachliche Ausdruck in Homers Epen nicht Niederschlag der Volkssprache. Er bemüht sich, die künstlerische Form in der deutschen Sprache mitadäquaten Mitteln nachzuformen, selbst wenn er die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten dafür erst neu schöpfen mußte. Die Argumentation in den Verhören der Rezensenten Nicolais in den Jahren 1779 bis 1781 zeigt, daß ihm die Auffassung, das Epos solle seine Gegenstände veredelt darstellen, nicht nur vertraut, sondern richtungweisend ist. Aber er interpretiert, wie das bekannte, allerdings später entstandene Epigramm Edel und adelig zeigt, den Begriff edel nicht mehr im ständischen Kontext. Edel kann für Voß auch das Leben in einem bürgerlichen Haushalt sein, aber auch die Handlungen und Gesinnungen des Eumaios, obwohl seine Wohnung im Schweinestall liegt.
Das schmale Bändchen des Momus wurde meines Wissens nur in Nicolais Allgemeiner Deutscher Bibliographierezensiert. Wie die Verhöre zeigen, las Voß dieses Berliner Rezensionsorganaufmerksam. Doch ob er von dieser Schrift je mehr zu Gesicht bekommen hat als die Rezension Eschenburgs, ob er das anonym erschienene Bändchen mit Bodmer in Verbindung brachte, ist nicht bekannt.
Gerade weil uns Homers Ilias und Odyssee in der Vossischen Übersetzung so selbst-verständlich geworden sind, ist es gelegentlich notwendig, sich durch den Vergleich mit zeitgenössischen Übersetzungen Distanz zu verschaffen, um erkennen zu können, worin das Besondere, das genial Neue dieser Übertragung lag. Voß Bemühen um eine getreue Wiedergabe der Epen beschränkt sich nicht auf philologische und historisch-sachliche Genauigkeit der Übersetzung. Er versucht, das fremde Versmaß, den Hexameter, so originalgetreu, wie es in der deutschen Sprache möglich ist, nachzubilden, macht sie sich dafür durch Wortneubildungen und ungewohnte Wortstellungen geschmeidiger. Die Treue gegenüber seiner literarischen Vorlage veranlaßt ihn schließlich dazu, sich nicht den Regeln der aristotelischen Poetik, nicht dem guten Geschmack zu beugen, sondern den poetischen Textunverfälscht zu vermitteln. Im Sprengen dieses Regelapparats liegt die Zeitgenossenschaft mit den fast Gleichaltrigen Herder, Goethe und Lenz.
1) Der siebzigste Geburtstag. An Bodmer. In: Musen-Almanach für 1781. Herausgegeben von Voß und Goeckingk. Hamburg bey Carl Ernst Bohn, S. 183-192. In späteren Ausgaben fehlt die Widmung an Bodmer.
2) Im Goedeke (Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung. Bd. IV. Dresden 1916) ist das Bändchen nur bei Bodmer (Bd. IV/1, S. 16) und Stolberg (Bd. IV/2, S. 1033) verzeichnet, nicht bei Voß. Erich Meissner (Bodmer als Parodist. Naumburg a.S. 1904. Phil. Diss. Leipzig 1904. S. 124-126) hat die Schrift chronologisch eingeordnet, ohne auf den Inhalt der Kritik einzugehen und die Zusammenhänge zu interpretieren. Bodmers Einwände als satirische Anwandlungen (S. 124) abzutun, ist sicher nicht gerechtfertigt.
3) [Bodmer, Johann Jacob:] Der Gerechte Momus. Frankfurt und Leipzig [=Zürich] 1780, S. 7. Momus von gr. mwmos, der Tadel; in der Mythologie die personifizierte Tadelsucht.
4) Homers Werke. Aus dem Griechischen übersetzt von dem Dichter der Noachide. Erster (Zweyter) Band. Zürich, bey Orell, Geßner, Füeßlin und Komp. 1778.
5) Homers Ilias, verdeutscht durch Friedrich Leopold Graf zu Stolberg. Erster (Zweyter) Band. Flensburg und Leipzig in Kortens Buchhandlung 1778.
6) G. A. Bürger: Gedanken über die Beschaffenheit einer deutschen Übersetzung des Homer, nebst einigen Probefragmenten. In: Deutsche Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freien Künste 6. 1771. 21. Stück, S. 1-41.
7) Verhör über einen Rezensenten in der allgemeinen deutschen Bibliothek von Johann Heinrich Voß. In: Deutsches Museum 1779. 2. Bd., 8. St., S. 158-172.
8) Qr. [=Johann Bernhard Koehler]: [Rezension zu:] Homers Werke. Aus dem Griechischen übersetzt von dem Dichter der Noachide. Erster (Zweyter) Band. Zürich, bey Orell, Geßner, Füeßlin und Komp. 1778; Homers Ilias, verdeutscht durch Friedrich Leopold Graf zu Stolberg. Erster (Zweyter) Band. Flensburg und Leipzig in Kortens Buchhandlung 1778. In: Allgemeine deutsche Bibliothek. 37. Bd., 1. St. 1779, S. 131-169.
9) Ebd., S. 132.
10) Folge des Verhörs über einen Berliner Rezensenten, von Johann Heinrich Voß. In: Deutsches Museum 1780. 1. Bd., 3. St., S. 264-272. Zweite Folge des Verhörs über einen Berliner Rezensenten, von Johann Heinrich Voß. In: Deutsches Museum 1780. 2. Bd., 11. St., S. 446-460. Johann Heinrich Vossens Verhör über die beiden Ausrufer Lt. und Lk., die in der allgemeinen deutschen Bibliothek, 41 B. 2 St. und 42 B. 1. St, Klopstocks Fragmente über Sprache und Dichtkunst beurtheilt haben. Nebst einer Beilage, eine Anmerkung des Theologen Sf. im 43 B. 1 St. betreffend. In: Deutsches Museum 1781. 1. Bd., 3. St., S. 198-222 u. 4. St., S. 327-243.
11) Folge des Verhörs (wie Anm. 10), S. 268.
12) Die Ankündigung der Odyssee-Übersetzung erschien zuerst in der Staats- und Gelehrten Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten 1779, Nr. 63 (20. April), [S. 4] und in der Kaiserlich-privilegirten Hamburgischen Neuen Zeitung 13. Jg. 1779, 64. St. (21. April), [S. 4], danach in einer Reihe weiterer Zeitungen und Zeitschriften. Die Subskriptionsverlängerung wurde zuerst in der Staats- und Gelehrten Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten 1779, Nr. 115 (20. Juli), [S. 4] bekanntgemacht.
13) Nachricht von der deutschen Odüssee. In: Staats- und Gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten 1780, Nr. 77 (13. May), [S. 4]. Das tatsächliche Erscheinen wurde angekündigt mit der Neuen Ankündigung der Deutschen Odüßee. In: Staats- und Gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten 1781, Nr. 19 (2. Februar), [S. 4] und in: Kaiserlich privilegirte Hamburgische Neue Zeitung 15. Jg. 1781, 20. St. (3. Februar), [S. 3-4].
14) Mit Geddike scheint der Berliner Pädagoge und Philologe Friedrich Gedike (1754-1803) gemeint zu sein, der ab 1783 gemeinsam mit Johann Erich Biester die Berlinische Monatsschrift herausgab. Welche Veröffentlichung Gedikes Bodmer bewogen hat, ihn an die Seite der Homer-Konkurrenten zu setzen, bedarf weiterer Untersuchungen.
15) [Johann Jacob Bodmer:] Der Gerechte Momus (wie Anm. 3), S. 8.
16) Homers Odyssee, Vierzehnter Gesang. Übersetzt von Johann Heinrich Voß. In: Der Teutsche Merkur. [Hrsg. v. Christoph Martin Wieland] 1779. 1. Vierteljahr. Februar. [Nr.] I, S. 97-116.
17) Karl Weinhold: Heinrich Christian Boie. Halle 1868, S. 140.
18) Johann Jacob Bodmer: Untergang der berühmten Namen. In: Vier kritische Gedichte von J. J. Bodmer. Hrsg. v. Jakob Baechtold. Heilbronn: Henninger 1883 (Deutsche Litteraturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts, 12), S. 77-78. Darin auch Bodmers Kritik an einer zweiten im Musenalmanach für 1781enthaltenen Idylle "Die verliebten Teufel" (S. 81).
19) Bodmer: Untergang der berühmten Namen, S. 88.
20) Vgl. Michael Bernays: Joh. Heinr. Voß und der Voßische Homer. In: Im neuen Reich 4. 1874. Bd. 2. Nr. 49, S. 891.