"Ich gehöre eben zu jenenRealisten a la Johann Heinrich Voß!"
Zu einem ungeschriebenenNachtprogramm Arno Schmidts
von Martin Grieger
(Vossische Nachrichten 1/1994, S. 3-7)
Die Nachtprogramme, die Arno Schmidtin den fünfziger Jahren schrieb, um auf vergessene und verkannte Autoren des achtzehntenund neunzehnten Jahrhunderts hinzuweisen, sind zu bekannt, als daß es nötig wäre, ihreBedeutung besonders herauszustreichen. Mit welchen Vorbehalten und Schwierigkeiten er sichbei dieser Entdeckungsarbeit wider den herrschenden Literaturbetrieb auseinanderzusetzenhatte, geht aus dem inzwischen veröffentlichten Briefwechsel mit Alfred Andersch hervor,damals der für die Nachtprogramme zuständige Redakteur des Süddeutschen Rundfunks.
In einem Brief vom 15. August 1955schlägt Arno Schmidt zwölf Themen vor, die er in der folgenden Zeit zu Nachtprogrammenausarbeiten könne. An siebenter Stelle dieser Liste findet sich der Eintrag:
Joh. Heinrich Voß: als Sozialrebellen, und Kämpfer gegen die Restauration (Die Stolberg=Fehde. / Sein Großvater war noch Leibeigener gewesen!)1)
Sich die Wirkung eines solchendialogisch-sezierenden Nachtprogramms auf die Voß-Rezeption auszumalen, gehört in denBereich der Spekulation. Untersuchenswert bleiben die Fragen, welches Bild von Voß ihninteressierte und warum die Ausarbeitung des Themas unterblieben ist.
Der Brief ist in einer für Schmidtentscheidenden Situation verfaßt. Sein Nachtprogramm über den Hamburger Ratsherren undDichter Barthold Hinrich Brockes war vom Süddeutschen Rundfunk kurz zuvor angenommenworden - nachdem eine frühere Hörfolge über James Fenimore Cooper abgelehnt worden war- und wurde am 21. Oktober 1955 gesendet. Doch Anderschs Mitteilung von der Annahmeenthielt auch einen Vorbehalt:
Meine ganz private Meinung ist die, daß die Dinge, die Sie von Brockes ausgewählt haben, recht faszinierend sind, aber ich glaube nicht, daß Brockes noch lebt, sondern daß er tot ist, und daß es auch Ihnen nicht gelingen wird, ihn wieder lebendig und zu mehr zu machen als zu einer interessanten Literatur-Marginalie.2)
Die Befürchtung, bereitsausgearbeitete Manuskripte für die Nachtprogramme könnten abgelehnt werden, weil dieRedaktion meinte, auf Geschmack und Verständnis des Publikums Rücksicht nehmen zumüssen, hat also die Themenliste ausgelöst. Zum Opfer gefallen wären vor allen jene ausdem öffentlichen Bewußtsein verdrängten Dichter, auf die es Arno Schmidt besondersankam. Es ist durchaus bezeichnend, daß zunächst aus der Vorschlagsliste eine Sendungüber Karl May gewählt wurde.
Sechs Jahre nach Arno Schmidtserster Veröffentlichung, dem Erzählungsband Leviathan, waren zwar die Kurzromane BrandsHaide und Aus dem Leben eines Fauns bereits erschienen, die Einnahmen aus demVerkauf jedoch gering. Der neue, schon abgeschlossene Kurzroman Das steinerne Herzsollte nach dem Willen des Verfassers wegen geringer ökonomischer Erfolgsaussichten indie Schublade verbannt bleiben. Stattdessen hatte sich Schmidt, trotz seiner Vorbehaltegegen die Gattungsform, der Kurzgeschichte zugewandt. In verzweifeltem Stolz berichtet erAlfred Andersch, "im vergangenen Monat habe ich so bereits 160 DM verdient, 50% mehr,als meine höchste Dichtereinnahme".3)
Es ist nachvollziehbar, was in einersolch prekären finanziellen Situation4) die Einnahme von 900 DM -eine erste Rate von 450 DM wurde nach Annahme des Manuskripts, die zweite Hälfte nach derSendung gezahlt - bedeutete. Nur die Nachtprogramme und die Übersetzungsarbeiten aus demEnglischen und Amerikanischen ermöglichten das Überleben als Schriftsteller. DieAblehnung eines bereits voll-ständig ausgearbeiteten Themas war in dieser Situationwirtschaftlich nicht zu ver-kraften.
Bedroht war die Existenz zugleichvon einer anderen Seite: der Brief enthält die Mitteilung, daß Schmidt eine"Vorladung für den 22. 8. zum Amtsgericht Saarburg"5)erhalten habe. Die Veröffentlichung der Erzählung Seelandschaft mit Pocahontas inAlfred Anderschs Zeitschrift Texte und Zeichen hatte dem Autor und dem Verlag derZeitschrift eine Anzeige wegen Gotteslästerung und Verbreitung pornographischer Schrifteneingebracht.
Schmidt sah selbst die Gefahr, daßzumindest von außen der Eindruck entstehen könne, er produziere nur um der sicherenEinnahmen willen endlose Folgen von Nachtprogrammen. So bemüht er sich zu versichern:"Fürchten Sie aber nicht, ich würde Sie jetzt mit billigem, diarrhoemäßiggehecktem, Zeug überschwemmen!"6) Für die Qualität derFunkarbeiten spricht, daß bei der Neuorientierung der Literaturwissenschaft Ende dersechziger Jahre mehr oder weniger offen auf die Anregungen Schmidts zurückgegriffenwurde.
Da der Briefwechsel keinen Hinweisenthält, daß die Redaktion des Süddeutschen Rundfunks das Voß-Thema strikt abgelehnthätte, bleibt die Frage, warum das Nachtprogramm nicht realisiert wurde.
Nur vordergründig einleuchtendwäre der Erklärungsversuch, der Biograph des Erz-Romantikers Friedrich de la MotteFouqué - die Biographie erschien 1958 nach "1 Myriade Stunden" derMaterialbeschaffung und -auswertung - hätte das Interesse an dem Spätaufklärer undAnti-Romantiker Voß verloren. Daß seine politischen Sympathien nicht auf der Seite desadelsstolzen Fouqué liegen, geht spätestens aus seiner Kommentierung der Reaktion desBarons auf die Veröffentlichung von Wie ward Fritz Stolberg ein Unfreier hervor.7) Schmidt hat sich stets deutlich in die Tradition der Aufklärunggestellt und in einem großen Teil der Nachtprogramme mit Schriftstellern der Aufklärungbeschäftigt.
Bekannt ist Schmidts Arbeitsweise,bei der Vorbereitung eines Textes sein Material in Zettelkästen zu ordnen;8)bekannt ist aber auch seine Vorgehensweise, die Zettelkästen mehrfach auszuwerten, um dasMaterial in Nachtprogrammen und Erzählungen zu verwenden. Doch eine Durchsicht derVoß-Erwähnungen in anderen Ver-öffentlichungen zeigt, daß zwar wiederholt Voß alsAutorität zitiert wird, daß das Wissen um die Lebensumstände und die Zusammenhängeseines Schaffens aber sehr oberflächlich bleibt. Keine der Erwähnungen geht über diebekannte Darstellung Heines in der Romantischen Schule hinaus.
Voß ist dennoch nicht zufällig indie Vorschlagsliste geraten. Der über längere Zeit von Arno Schmidt verfolgte Plan,über Samuel Christian Pape, den Hauslehrer des jungen Baron de la Motte-Fouqué, der inden neunziger Jahren Gedichte im Göttinger Musenalmanach veröffentlicht hatte,9) eine Sendung zu gestalten, stieß auf
Vorbehalte des Süddeutschen Rundfunks. Zur Begründung, warum er auf der Sendung überden eingestandenermaßen unbekannten Pape beharre, schrieb Schmidt an HelmutHeißenbüttel, der inzwischen die Nachtprogramme betreute, "ich gehöre eben zujenen Realisten a la Johann Heinrich Voß !"10)
Ein entscheidender Hinweis ergibtsich aus dem Schicksal eines anderen Vorschlags der Liste: Thema eines weiterenNachtprogramms sollte Friedrich Maximilian "Klinger: der Romanschreiber der Sturm=und Drangepoche"11) sein, ausdrücklich also nicht derDramatiker, sondern der Romanautor. Diesem Vorschlag lag offenbar der Irrtum zugrunde,Klinger habe seine Romane in Fortsetzung seines dramatischen Schaffens dazu benutzt, dieProsa-Formen des Romans aufzubrechen, um sozial brisante Themen zu artikulieren.
An Klingers Stelle treten KarlPhilipp Moritz und Johann Karl Wezel, die Schreckensmänner:
Und ihre Kennzeichen sind mannigfach und immer wieder hübsch gleichmäßig vorhanden: arm geboren sind sie. Unter unglücklichen Familienverhältnissen aufgewachsen. Brennend scharfen Geistes übervoll - und dieser, da auf einen bösen Boden gepflanzt, nichts weniger als angenehm. [...] Sie sind, mit ihrer überscharf gewetzten Beobachtungsgabe, ihrer allumfassenden Rücksichtslosigkeit, die geborenen Autobiographen. Dadurch, daß an ihnen das Mißverhältnis zwischen einem Geist erster Größenordnung und seiner armseligen Umgebung handgreiflich, - im wahrsten Sinne des Wortes schreiend - wird, erhalten sie den Rang von Sprechern des Vierten Standes.12)
In diesem Zusammenhang fällt dasentscheidende Stichwort: Schreckensmänner gebe es nicht nur im Frankreich der Revolutionvon 1789. Zu den deutschen Vertretern zähle vor allemder große Bürger Johann HeinrichVoß, der freilich als unschätzbares Pfand die Statur des Donnerers Thor mit auf denLebensweg bekommen hatte; und der - Enkel eines mecklenburgischen Leibeigenen, Sohn einesDieners - die französische Revolution auch da noch bejahte, wo sich die Hausbesitzerzurückzogen; auch er ein Modellfall schreckensmännisch=deutscher Dichtung undGelahrtheit.13)
Man kann die von Arno Schmidtaufgestellte Merkmalsliste der Schreckensmänner benutzen, um die Punkte zu bestimmen, indenen er nicht nur Parallelen zu Voß sah, sondern sich mit ihm identifizierte. Gemeinsamist ihnen die einfache Herkunft, aber auch die Ausstattung mit enormen intellektuellenFähigkeiten; die Mittellosigkeit zwingt sie zu Brotarbeiten. Beide werden wegen derUnabhängigkeit ihrer Urteile und ihrer standfesten Haltung angegriffen. Schmidts Kritikan reaktionären Tendenzen der Adenauer-Aera entspricht Voß Kampf gegen dierestaurativen, katholisierenden Bestrebungen seiner Zeit. Doch auch das Interesse an derAntike teilt er mit Voß, wie aus den frühen Erzählungen Gadir, Enthymesisund Kosmas hervorgeht.
Irritierend bleibt zunächst, daßArno Schmidt in dem Brief an Helmut Heißenbüttel Voß als Realisten bezeichnet. WelcheBedeutung verbindet er mit dem so schillernden Begriff Realismus?
In der Einleitung des Nachtprogrammsüber Brockes, den er auch zu den Realisten zählt, verweist Schmidt auf eineAuseinandersetzung zwischen Hebbel und Stifter, die er als Gegensatz von Handlung undBeschreibung deutet. Während der Dramatiker unerhörte Ereignisse zu sichüberstürzenden Aktionen balle, schildere der Epiker detailgetreu Zustände undDenkweisen, auf der Suche nach dem sanften Gesetz, das die Menschheit leite.
Trotz der Warnung von Andersch,"den Begriff der Handlungsarmut mit dem des Realismus"14)gleichzusetzen, wiederholt und bekräftigt Arno Schmidt seine Argumentation in dem 1956 inTexte und Zeichen veröffentlichten Aufsatz Die Handlungsreisenden, der miteinem eindeutigen Bekenntnis zum sanften Gesetz endet.
In diesem Sinne wäre also derRealismus die dem Schreckensmann angemessene Methode der Darstellung; Voßhandlungsarme, aber beschreibungsreiche Idyllen würden die Anforderungen an einerealistische Schreibweise erfüllen.
Doch die Beschäftigung mit Stifterist nicht abgeschlossen. Nach eingehender Lektüre des Nachsommers revidiertSchmidt im November 1958 im Nachtprogramm Der sanfte Unmensch sein Stifter-Bildgrundlegend. Aus der Erkenntnis, welch menschenfeindliche Geisteshaltung der Reduzierungauf das rein Beschreibende zugrunde liegt, wird das sanfte Gesetz verworfen. Man kannnicht mehr von der Demontage eines Vorbildes sprechen, Stifter wird geradezu gemetzelt.
In diesem Zusammenhang übt Schmidtauch Kritik an der stereotypen Gestaltungsweise der Personen in Voß Luise.15) Offenbar hat der Zusammenbruch des Stifter-Vorbilds auch zu einerEntfremdung von Voß geführt, die, verstärkt durch die Hinwendung zur Historie derErzählformen,16) dazu führte, daß das Vorhaben, ein Nachtprogrammüber Voß zu veröffentlichen, aufgegeben wurde.
Hedwig Voegt hat 1966 in derEinleitung der Voß-Werkauswahl der Reihe Bibliothek deutscher Klassiker einVoß-Bild vorgestellt, das lange Zeit die Voß-Rezeption geprägt hat: der"Jacobiner" Voß. Dieses Bild ist der von Arno Schmidt intendierten Beschreibungsehr ähnlich, nur daß an die Stelle der persönlichen Identifizierung überbiographische Parallelen im Sinne der sozialistischen Erbe-Aneignung die Gleichsetzung mitden Interessen der arbeitenden Bevölkerung tritt. So fruchtbar das Aufbrechen vonverkrusteten Sehweisen ist, es ist Zeit, Abschied von einseitigen Voß-Bildern zu nehmenund Voß Leben und Werk in ihren Widersprüchen zu sehen: den Jakobiner imHofratsrock, den Idylliker und Streithansl, den plattdeutsch dichtenden Altphilologen.
1) Arno Schmidt. Der Briefwechsel mit Alfred Andersch. Mit einigen Briefen von und an Gisela Andersch, Hans Magnus Enzensberger, Helmut Heißenbüttel und Alice Schmidt. Herausgegeben von Bernd Rauschenbach. (Zürich:) Haffmans (1985) (= Arno Schmidt-Brief-Edition. Bd. 1) S. 70.