Von der Freiheit einesUnmündigen

Ein ungedruckter Brief von Heinrich Voß

von Frank Baudach
(Vossische Nachrichten 2/1995, S. 5-18)

Daß Heinrich Voß, der zweite Sohn von Ernestine und Johann Heinrich Voß, "kein überragender Geist" (1)) gewesen sei, darin sind sich die wenigen Forscher, diesich mit ihm beschäftigt haben, weitgehend einig. "Ihm fehlte", so formuliertees Franz Muncker 1896, "eine selbständige, energisch auf das Ziel losdringendeNatur. Die kindliche Liebe und Verehrung, die er für seinen Vater hegte, raubt ihmschließlich jede geistige Unabhängigkeit. Wie sein Vater ihm als höchstes Vorbild galt,so fügte er sich widerspruchslos seinen Anschauungen und war zufrieden, wenn er nur mitmatterer Stimme die Meinungen des Alten nachsprechen, ihm die Beantwortung eines Briefesabnehmen oder bei seinen Studien dienend helfen konnte." (2) Muncker bringt mit dieser ebenso prägnanten wievernichtenden Charakterisierung das seit Ende des 19. Jahrhunderts weitgehend gültigeHeinrich Voß-Bild auf den Punkt: Geistige Unselbständigkeit und Willensschwäche einesim Grunde immer kindlich gebliebenen Menschen - dies sind die schon 1876 von WilhelmHerbst vorgebrachten (3) und noch 1981 von Detlev W. Schumannwiederholten (4) Charaktereigenschaften, mit denen Heinrich Voßbeschrieben wird.

Nun sind diese Aussagen gewiß nicht völlig aus der Luftgegriffen. Schon Heinrichs äußerer Lebensweg ist ja sehr weitgehend an den seiner Elterngebunden: Am 25. Oktober 1779 in Otterndorf geboren, wuchs Johann Heinrich der Jüngere(der Heinrich gerufen wurde und sich auch später fast immer nur Heinrich nannte) in Eutinauf, wo er nach dem frühen Tod des erstgeborenen Bruders Friedrich Leopold der ältesteder vier Voß-Söhne war. Schon als Kind eher kränklich, erwies sich der vom Vater frühgeförderte Heinrich als hochbegabter und fleißiger Schüler. Ab Ostern 1799 studierte erin Halle zunächst Theologie, dann sein eigentliches Studienfach Philologie. Ab Herbst1801 setzte er sein Studium in Jena fort, wohin seine Eltern ihm ein Jahr später folgten.1804 wurde er auf Vermittlung Goethes Lehrer am Gymnasium in Weimar und wechselte 1806 alsUniversitätsprofessor nach Heidelberg, wohin seine Eltern bereits ein Jahr zuvorübergesiedelt waren. Er blieb unverheiratet und lebte bis zu seinem Tod am 20. Oktober1822 im elterlichen Haus in Heidelberg.

Damit hat Heinrich von den 43 Jahren seines Lebens nurknapp sechs Jahre von seinen Eltern getrennt gelebt - rechnet man das erste Weimarer Jahrab, als die Eltern noch im benachbarten Jena wohnten, so sind es sogar nur 4˝ Jahre. Dochnicht nur diese äußeren Tatsachen seiner Biographie, auch ein Blick auf die beruflicheund philologische Tätigkeit Heinrichs scheint die These von der Unselbständigkeit seinesWesens zunächst zu bestätigen. Denn er folgte dem Vater nicht nur in der Berufswahl,sondern sehr weitgehend auch in seinen philologischen und weltanschaulichen Positionen. Erarbeitete in vielfältiger Hinsicht mit Johann Heinrich zusammen, schrieb in der Tat nichtselten Briefe in seinem Auftrag, beteiligte sich an den literarischen Fehden, aber auch anetlichen wissenschaftlichen Projekten des Vaters, so an den Arbeiten zum großen,unvollendet gebliebenen deutschen Wörterbuch sowie an den Forschungen zur antikenGeographie. Und auch die Hauptwerke seiner Übersetzertätigkeit standen in engemZusammenhang mit dem Vater - die große Shakespeare-Übersetzung ist ein zwar alleinbegonnenes, dann aber zusammen mit Johann Heinrich und dem Bruder Abraham vollendetesGemeinschaftswerk, und wie diese folgte auch Heinrichs große Aischylos-Übersetzung den‘vossischen’ Übersetzungsprinzipien, weshalb sie nach seinem Tod auch vom Vaterabgeschlossen und herausgegeben werden konnte.

Hinzu kommt ein weiteres: Nicht nur seinen Vater verehrteHeinrich zeit seines Lebens, sondern er neigte allgemein zu einer spezifischen Formschwärmerischer ‘Heldenverehrung’, die sich in seiner Jugend auf Stolberg, inWeimar auf Schiller und Goethe und später in der Heidelberger Zeit auf Jean Paulrichtete. Vor allem Goethe wurde für ihn zeitweilig zu einer Art zweitem Vater. Von ihm,der den jungen Philologen anerkannte und förderte, mit ihm Griechisch las, literarischeund philologische Probleme diskutierte (was so weit ging, daß er sich von ihm u.a.metrische Verbesserungsvorschläge für Hermann und Dorothea ausarbeiten ließ),war Heinrich aufs höchste fasziniert, ihm ordnete er sich in enthusiastischer Verehrungbereitwillig unter.

War Heinrich Voß also ein zwar begabter und fleißiger,aber psychisch instabiler und blind der Autorität des Vaters bzw. des Ersatzvaters Goethefolgender, unselbständiger Mensch? Zieht man zu den genannten Fakten noch die von ihmselbst und seinem Freund Christian Niemeyer stammenden Berichte über nächtlicheAngstvisionen hinzu und nimmt man die (allerdings allesamt aus der Feder von Gegnernstammenden) Gerüchte für bare Münze, er sei ein Trinker gewesen, so läßt sich darausleicht das Bild eines psychisch labilen, haltlosen Neurotikers konstruieren. (5)

Doch spätestens hier ist allergrößte Vorsicht geboten.Zu denken geben muß nämlich allein schon die Tatsache, daß Heinrich Voß die eigene‘Unmündigkeit’ in seinen Briefen selbst mehrfach thematisiert und dabei fürsich in Anspruch genommen hat, daß sie keine naive Unwissenheit, sondern Resultat einerselbstgewählten, ‘freien Unterordnung’ sei. So heißt es im Brief an KarlSolger vom 15. Mai 1804:

Mag es schön sein, keiner Stütze zu bedürfen, isolirt und selbständig zu stehn, ich gebe es zu, aber ganz und gar mag ich es nicht sein, wenigstens in meinem Alter nicht. Es gehört ein gewisser Grad von - wie soll ichs nennen? - Abhängigkeit, freier Unterordnung einer edlen Leitung zu meinem Bedürfnisse, wie physisch der Kaffee und eine Pfeife. [...] Ich bin nicht zu einem Selbstherrscher aller Reußen geboren und danke Gott dafür; es ist Himmelswonne von einem Göthe geleitet zum Besseren geführt zu werden. Ich werde vielleicht mein Lebelang in dieser Hinsicht unmündig bleiben und es wird mein Schade nicht sein. (6)

Es liegt auf der Hand: Die "Abhängigkeit" einesMenschen, der so redet, ist zumindest nicht die eines unmündigen Kindes. Hier zeigt sich,was im Grunde für alle historische Erkenntnis gilt: Werturteile, die zwangsläufig vonsubjektiven Wertmaßstäben (hier: von der Gültigkeit des Originalitäts- undGenieideals) abhängig sind, können zur wissenschaftlichen Erkenntnis nicht allein nichtsbeitragen, sondern bergen zudem die große Gefahr, daß durch sie der Blick auf wichtigeTatsachen und Zusammenhänge verstellt wird. In diesem Sinne möchte dieser Beitrag auchkeine Ehrenrettung für Heinrich Voß um jeden Preis sein, sondern lediglich für einesehr genaue und vorurteilsfreie Analyse der vorliegenden Quellen plädieren - nicht umHeinrich Voß, sondern um der Vielzahl ihn, seinen Vater und sein übriges Umfeldbetreffender biographischer und ideengeschichtlicher Erkenntnisse willen, die dieAuswertung vor allem seines Briefwechsels ermöglicht.

Liest man diesen - allerdings leider nur sehr lückenhaftüberlieferten und edierten (7) - Briefwechsel genauer, so lassen sichin der Tat einige wichtige Fakten zusammentragen, die darauf hindeuten, daß Heinrichs‘Unterordnung’ einerseits so groß nicht war, wie sie auf den ersten Blickerscheinen mag, andererseits durchaus eine selbstgewählte Abhängigkeit, also ein Akthöherer Freiheit gewesen sein könnte. Der im Folgenden abgedruckte, bislangunveröffentlichte Brief von Heinrich Voß an Benjamin Adolf Marks vom 1. September 1804soll einige dieser Fakten exemplarisch belegen. (8)

Worum geht es in diesem Brief? Sein äußerer Anlaßscheint zunächst wieder einmal die Abhängigkeit des Sohnes zu belegen: Johann Heinrichund Ernestine Voß befinden sich seit knapp zwei Wochen auf einer Reise nachSüddeutschland, die vor allem dem Besuch des alten Hainbundfreundes Miller in Ulm gilt.Heinrich erhält an diesem ersten Septembertag einen Brief aus Würzburg, der erstengroßen Station dieser Reise, von wo aus den Vater bereits seit Jahresbeginn mehrfachAnfragen erreicht hatten, Leiter eines an der Universität neu zu errichtendenSchullehrerseminars zu werden. Dieses Angebot ist nun vor Ort in persönlichenVerhandlungen eindringlich wiederholt worden, und die Bedingungen sind derart glänzend,daß der Vater vorläufig zusagt und sich bereits mit seiner zukünftigen Aufgabe zuidentifizieren beginnt - immerhin geht es um die aufklärerische Reformierung desSchulwesens im katholischen Bayern, zu der Voß einen entscheidenden Beitrag leisten soll.In diesem Zusammenhang wird er auch ersucht, geeignete Philologen für Schulen inWürzburg und anderen bayerischen Orten vorzuschlagen. Er hat hierfür unter anderemBenjamin Adolf Marks im Auge, einen Kommilitonen Heinrichs aus der Hallenser Zeit, und ergibt seinem Sohn in dem genannten Brief den Auftrag, an Marks zu schreiben und zuerkunden, ob er zur Übernahme einer solchen Aufgabe bereit ist. Und Heinrich, hierin ganzder hilfsbereite und folgsame Sohn, gehorcht dem Befehl des Vaters und schreibt sofort anseinen Studienfreund - obwohl er an diesem Tag unter starken Zahnschmerzen leidet und nurmit Mühe die zum Schreiben nötige Kraft aufbringen kann.

Ist dieser Brief also ein Beleg dafür, daß Heinrich Voßsich (mit Muncker zu reden) "widerspruchslos" dem Willen seines Vaters fügteund bereits "zufrieden" war, wenn er ihm wie hier "die Beantwortung einesBriefes abnehmen" konnte? Wohl kaum, und dies nicht nur wegen der Zahnschmerzen. Dennin einem viel wichtigeren Punkt, der unausgesprochen im Hintergrund des Briefes steht, hatHeinrich Voß sich dem Willen des Vaters bewußt widersetzt: Das Angebot aus Würzburggilt nämlich nicht nur für Johann Heinrich allein, sondern ausdrücklich auch fürseinen Sohn, dem die stattliche Summe von 1800 Gulden jährlich für eine Tätigkeit alsHochschullehrer und Gehilfe seines Vaters am Seminar geboten wird. (9)Für den Vater ist klar: Wenn ernach Würzburg geht, muß Heinrich mit - einerseitsbraucht er ihn als Mitarbeiter und rechte Hand in Würzburg, andererseits aber wäre esaus seiner Sicht geradezu töricht, wenn der vierundzwanzigjährige Philologe, der es inWeimar allenfalls in einigen Jahren zum Direktor des Gymnasiums bringen könnte, auf einederart attraktive Chance zu einer akademischen Laufbahn verzichtete. Doch Heinrich will umjeden Preis in Weimar bleiben. Schon am Morgen des 19. August, dem Tag der Abreise derEltern, scheint es hierüber zu einer Verstimmung zwischen Vater und Sohn gekommen zusein, (10) und die Eltern versuchen in ihren Reisebriefen an Heinrichimmer wieder, ihn für das Würzburger Projekt einzunehmen und ihn zur‘Besonnenheit’, d.h. zur Aufgabe seines Widerstands zu bewegen. (11)Dieser moralische Druck, dieses Einfordern kindlichen Gehorsams im Namen der Vernunft,setzt Heinrich offenbar in nicht geringe seelische Nöte: Einerseits kann und will er sichden Eltern nicht offen widersetzen, andererseits steht es für ihn aber im Grunde fest,daß er Weimar auf keinen Fall verlassen wird. (12) Den Elterngegenüber scheint er sich daher zunächst zögernd und ausweichend verhalten,schließlich aber doch zu einer eindeutigen brieflichen Absage durchgerungen zu haben.(13)

Aufschlußreich sind die Gründe, die Heinrich am 10.Oktober in einem Brief an seinen Onkel Heinrich Christian Boie für seine Weigerungangibt, nach Würzburg zu gehen. Zum einen, so argumentiert er, habe er nicht die Kraftund Befähigung, ein akademisches Lehramt angemessen auszuüben. "Daß ich einer derbesten Schulmänner werden kann, das weiß ich, und trage keine Scheu, es Ihnen mit einwenig Stolz im Herzen zu sagen." Dagegen sei es schon unsicher, ob er je ein"tüchtiger akademischer Lehrer" werden könne. "Aber daß ich akademischerPhilolog vom ersten Range, wenigstens einer wäre, der weit über dem mittelmäßigensteht, die Überzeugung habe ich nicht."(14) Er sei sich sicher, "nicht zum akademischen Leben", sondern "zumSchullehrer geboren" zu sein und ziehe es vor, eine niedrigere Stufe "ganzauszufüllen", als auf einer höheren zu scheitern. Zum anderen aber - und dies istdas eigentliche Hauptargument - sage ihm seine "Herzensstimme", daß er inWeimar ‘am rechten Orte’ sei:

Ich gedeihe ja hier. [...] Ich wachse an innerem und äußerem Leben, ich nehme an Kenntnissen zu, ich wirke Gutes in meinem kleinen Kreise, dem ich gewachsen bin, und bilde mir ein, eben so viel hier werth zu sein, als ein Mann von mehreren Kräften in einem größeren Kreise.

Lieber Onkel, Sie haben ja auch in Hinsicht auf mich nur einen Hauptwunsch: daß ich brav und gut werde, und thue, wozu mich Gott erschaffen hat. Nun das verspreche ich Ihnen zu werden. Wenn ich’s nun geworden bin, und täglich immer mehr werde, ist es Ihnen denn nicht auch gleich, an welchem Orte, auf welchem Wege ich’s geworden bin?

Weimar ist in vieler Hinsicht eine heilige Stätte für mich. Aber nicht allein, weil Göthe und Schiller hier ist, und manches andere Schöne, sondern weil ich hier mit Ruhe und Sorglosigkeit im Herzen gedeihe. Nur diese Verfassung des Gemüths setzt mich in Stand, das Gute hier zu genießen. Diese Verfassung des Herzens, die zum Entfalten unserer Kräfte nothwendig ist, die will ich bewahren. Über die Mittel dazu muß ich nach meiner besten Einsicht entscheiden.(15)

Heinrich Voß argumentiert hier nicht als Unmündiger,sondern als selbstbewußtes, autonomes Individuum, das sich seinen eigenen Bildungswegnicht von außen vorschreiben lassen, sondern aus sich selbst heraus, als naturgemäße,freie ‘Entfaltung’ der in ihm angelegten ‘Kräfte’ gestalten will.Dies ist das klassische Bildungs- und Autonomiekonzept, wie es Goethe im WilhelmMeister entwickelt hatte. Ziel der Bildung ist die Humanität: "Ich will Menschwerden", so schreibt er am gleichen Tag an Karl Solger, "kein unsterblichgroßer Mann; und zum Menschen werde ich fürs erste nur in Weimar."(16)  Zu dieser Menschwerdung aber gehört die freieSelbstbeschränkung. Indem Heinrich sich mit der ihm gemäßen Schultätigkeit in Weimarbegnügt, folgt er letztlich jener Einsicht, die Goethe im Wilhelm Meister Jarnoaussprechen läßt: "Der Mensch ist nicht eher glücklich, als bis sein unbedingtesStreben sich selbst seine Begrenzung bestimmt."(17)

In diesem Sinne läßt sich Heinrichs‘Unselbständigkeit’ und ‘Abhängigkeit’ in der Tat als Resultatfreier Entscheidungen deuten - er entscheidet sich hier bewußt gegen seinen Vater undfür Goethe, dessen Bildungskonzept er zur Formulierung seines Autonomieanspruchsheranzieht. Zumindest würde es zu kurz greifen, seine Entscheidung gegen Würzburg alsbloßen Ausdruck einer neuen Abhängigkeit von Goethe aufzufassen, die mit derjenigen vomVater in Konflikt geriete und sie verdrängte, im übrigen aber an der‘Puerilität’ des Sohnes nichts änderte. Denn Heinrich erhebt in seinerRechtfertigung dem Onkel gegenüber ausdrücklich den Anspruch, ‘auf eigenenFüßen’ stehen zu wollen. Am 1. Dezember 1804, als die Würzburger Pläne auch vomVater längst aufgegeben worden sind, (18) schreibt er rückblickendan Boie:

Sah ich’s nicht von Anfang an, daß ich in dieser Sache durchaus nicht auf eigenen Füßen stand? War ich etwas anderes, als der Appendix meines Vaters [...]? Ich will nur da stehen und fußen, wo ich einzig auf mir beruhe, und selbst Schöpfer meines Glücks werden kann. (19)

Die Schultätigkeit in Weimar aber ermöglicht ihm dieseSelbständigkeit. Denn so wichtig der enge Kontakt zu Goethe für seine geistigeOrientierung auch ist - Goethe bestimmt weder sein Privatleben noch seine schulische undphilologische Arbeit, schränkt ihn insofern nicht ein, wie dies in Würzburg im engenZusammenleben und
-arbeiten mit dem Vater unausweichlich hätte erfolgen müssen. (20)

Im Brief an Marks vom 1. September 1804 ist von alledemnicht explizit die Rede. Die Eltern hatten in den bis dahin eingetroffenen Reisebriefenden Söhnen "das feierlichste Stillschweigen über die noch unreife Sache"auferlegt, (21)  und Heinrich erwähntdementsprechend weder die Würzburger Pläne des Vaters noch die mit seiner eigenenEntscheidung verbundene Problematik. Der Brief ist zudem nicht sehr ausführlich, Stil undSchrift werden unter dem Einfluß der Zahnschmerzen des Schreibers vor allem gegen Endeimmer gedrängter und fahriger. Er selbst ist sich der Gehetztheit seines Schreibensbewußt und bittet Marks um Verzeihung für seinen schnell und wenig planvollgeschriebenen, "dürftigen u. gehaltlosen Brief" (S. 4). Um so aufschlußreichersind angesichts dessen die Themen, die Heinrich Voß hier spontan wählt. Nachdem er dengewissermaßen offiziellen Teil des Briefes (die Anfrage im Auftrag des Vaters) nach 1˝Seiten abgeschlossen hat, gibt er seinem ehemaligen Studienkollegen einen knappenÜberblick über seine derzeitigen Lebensumstände und die Bereiche, in denen er tätigist. Hier nun kommen all die Dinge zur Sprache, die Heinrich wirklich wichtig sind, dieseine Selbständigkeit begründen und ihn in Weimar halten. Dies ist zunächst und vorallem der enge Kontakt zu Goethe, dem überlegenen ‘zweiten Vater’, dem er (alsder fraglos bessere Philologe) in der gemeinsamen Griechischlektüre gleichwohl auch alsEbenbürtiger gegenübertreten kann und mit dem gemeinsam er Pläne für einen"litterarischen Clubb" schmiedet. Dies ist zweitens seine von Anfang an mitvielErfolg und Anerkennung verbundene Lehrtätigkeit am Weimarer Gymnasium. Und dies istdrittens die von Goethe angeregte Rezensionstätigkeit für die neugegründete JenaischeAllgemeine Literatur-Zeitung. Er berichtet von der gerade in Arbeit befindlichenRezension der Sophokles-Übersetzungen von Hölderlin, Fähse, Ast und Solger. Gerade hierzeigt sich Heinrich keineswegs als ‘matter’ Nachsprecher der Position seinesVaters, sondern als selbstbewußter, kompetenter Vertreter der ‘vossischen’Prinzipien, die eben nicht nur die seines Vaters, sondern zugleich die eigenen sind. DieHärte der Verurteilung vor allem Hölderlins muß aus heutiger Sicht unangemessen undungerecht erscheinen, da sie den poetischen Intentionen Hölderlins nicht Rechnung trägt.Doch steht hinter Heinrichs Verurteilung gewiß weder ‘schulmeisterlicherDünkel’ (22)  noch‘Unverstand’, (23) sondern ein klardefiniertes Übersetzungskonzept: Es geht ihm als Philologen um eine sowohl inhaltlich alsauch metrisch exakte und adäquate Übersetzung, um die möglichst unverfälschteÜbertragung dessen, was die antike Dichtung für die Gegenwart wertvoll macht. Aus diesemGrunde ist jede in diesem Sinne ungenaue Übersetzung für ihn geradezu moralischverwerflich. Fähse ist für ihn daher "ein Lumpenhund" (S. 4), weil er nichtdas Original nachbildet, sondern es sehr frei in die poetische Sprache der Gegenwartüberträgt, also nicht "den wahren", sondern "einen modernenSophokles" bietet, (24) und Hölderlinist "ein wahrer Wahnsinniger" (S. 3), weil seine Übersetzung nicht nur unexakt,sondern darüber hinaus auch noch unverständlich ist. So kann man Heinrichs Auffassungkritisieren, die von ihm (und seinem Vater) vertretene Übersetzungsmethode der absolutenWerktreue sei die einzig richtige, (25) dochdürfte die Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit des hinter seinen Verurteilungen stehendenphilologischen Ethos wohl kaum in Frage stehen.

Wenn Heinrich Voß in seiner Rezension Hölderlinvorwirft, er stehe manchmal "auf seinem hohen Standpunkte so hoch, dass er von denDingen unter ihm nur noch schwache Umrisse bemerkt, und Gestalt und Bestimmtheit sichvöllig verlieren", (26)  sobeschreibt er damit das genaue Gegenteil seiner eigenen philologischen Grundsätze - undin gewisser Weise auch das Gegenteil seiner gesamten eigenen Lebenseinstellung. Denn soschwärmerisch und begeisterungsfähig er im Verhältnis zu seinen Freunden und Idolenauch war, so blieb er doch auf sich selbst bezogen stets ausgesprochen bescheiden undnüchtern, lehnte es ab, sich zu einem Standpunkt der Selbsteinschätzung aufzuschwingen,auf dem sich die ‘Gestalt und Bestimmtheit’ seines Entwicklungsweges hättenverlieren müssen. Aus dieser Selbstbeschränkung, diesem nüchternen Bestimmen undAkzeptieren der eigenen Grenzen, erwuchs ihm die Freiheit, innerhalb dieser Grenzen dieeigenen Fähigkeiten rückhaltlos zu akzeptieren. So erklärt sich, daß dieBescheidenheit des Heinrich Voß ein hohes Selbstbewußtsein in philologischen Dingenkeineswegs ausschloß. Daß dieses Selbstbewußtsein gelegentlich zu satirischer Schärfein der Auseinandersetzung mit Vertretern anderer Positionen führte, verbindet ihn mitseinem Vater. Allerdings folgte der junge Voß dem alten auch hierin keineswegs alsblinder Nachsprecher, sondern in bewußter, eigenständiger Anwendung der als richtigerkannten, gemeinsamen Prinzipien: "Ich war bange", so schreibt er im Hinblickauf die Sophokles-Rezension an Friedrich Karl Wolff, "er [Johann Heinrich Voß]möchte nicht zufrieden sein, weil ich es mit dem Hölderlin etwas derbe gemacht habe;aber mein Vater ist in seinen Recensionen selbst derbe, und muß es an seinem Sohne schondulden." (27)

Frank Baudach


 

Brief von Heinrich Voß an Benjamin Adolf Marks (28)  in Halberstadt, Weimar 1.9.1804(Samstag)

Weimar, d. 1 Sept. 1804.

Dein Brief liebster Marks, hat meinem Vater eine großeFreude gemacht; er würde ihn selbst beantwortet haben, wenn es ihm nicht in den leztenTagen vor seiner Reise nach Süddeutschland (29) gänzlich an Zeit und Muße gefehlt hätte.

Schon seit langer Zeit hast du zu denen gehört, denen er, obgleich unbekannt, Aufmerksamkeit schenkte. Er wußte nehmlich,mit welcher Liebe du deiner Schule vorstandst, und wie dir das von deinen Schülern durchAchtung und Zutraun vergolten ward. Das war genug für ihn, um den Schluß zu ziehen duseist ein Schulmann, wie man es sein muß. Frag nicht werihm von dir gesprochen, das gehört zur Sache nicht. Auch schreibe ich dir dies nicht, umdir ein Compliment zu machen, sondern wie du gleich hören wirst, in einer ganz anderenAbsicht.

Mein Vater hatte wenige Wochen früher, als dein Briefkam, eine Bitte von Würzburg bekommen, daß er junge talentvolle und eifrige Männer zurBesezung der bayerschen Schulen vorschlagen möchte. Ich war dazumal in Jena, und wirsprachen gemeinschaftlich sowohl von dir, als von Evers und Gotthold. (30)Da kam dein Brief, der meinem Vater eine sehr vortheilhafte Idee von dir [S.2] gegebenhat. Noch an dem Morgen seiner Abreise bat er mich, dich vorläufig zu fragen, ob du ausHalberstadt zu gehen geneigt seyst, wenn du an einem anderen Orte vortheilhafterunterkommen könntest.

Heute erhalte ich einen Brief von meinem Vater ausWürzburg, der diese Stelle enthält: "Schreib an M. in Halberstadt, u frage ihn, ober unter mehrern Lehrstellen an den bayerschen Gymnasien und auf der Akademie Würzburgeine mit vortheilhaften Bedingungen anzunehmen geneigt ist. Die Antwort melde mirgleich." (31)  - Ich muß dich alsobitten, theuerster Freund, mir sobald du kannst, drüb[e]r zu schreiben.

So viel hiervon. Daß ich in Weimar lebe, wirst du vonKörte (32)  gehört haben; aber auch daß ich vergnügt lebe? Wer sollte dasnicht an einem Orte, wo Göthe u. Schiller sind. Göthe ist mir unendlich viel, er istmein zweiter Vater und die Stüze meines Lebens. Ich wohne neben ihm, und sehe ihntäglich. Manchmal bringe ich halbe Tage bei ihm zu, und dann lesen wir Griechischzusammen. Sobald die ersten Schneeflocken fallen, werden wir einen kleinen litte- [S. 3]rarischen Clubb in seinem Hause errichten, von dem ich mir viel Freude u Belehrungverspreche. Junger Freund, sagte er neulich, wir wollen es nur nicht zu hizig anfangen. Esist eine Schande, nachher nicht tempo halten zu können. Lieber im Eifer gestiegen, alsnachlassen zu müssen. - (33)

Der Göthe ist dir der herzlichste Mann auf der Welt,redlich, offen, ein Jugendfreund wie wenige. Ich liebe ihn wie den edelen Stolberg, u daswill viel sagen. Göthe ist auch das Ebenbild von Stolberg! (34)

Was wirst du von mir denken, wenn ich dir sage, daß ichein Erzrecensent geworden bin. (35) Aber Göthe ist Schuld daran, undwas der über unser einen Verschuldet, müssen wir verantworten können. Ich habe indiesen Ferien die Hölderlinsche Sophoklesübersezung recensirt, und habe noch drei nach,die ich alle in eine Collectivrecension zusammenfassen will. (36) Hölderlinist ein wahrer Wahnsinniger. Ich fürchtete, ich hätte es zu stark mit ihm gemacht; aberSchiller, dem ich die Recension vorlas, hat mich getröstet, u. unter recht herzlichemLachen versichert, daß ich eher zu [S. 4] schonend, als zu strenge verfahren wäre.(37)

Meine Schule macht mir unendliche Freude. (38)  Ich unterrichte in 3 Classen, u habe etwa 100 Schüler. DasGriechische lehr ich in den 3 oberen Classen ausschließl., u wöchentlich 20 Stunden. (39)  Ich habe, wenn ich neue Geographieausnehme, lauter angenehme Stunden.

Verzeihe meinen dürftigen u. gehaltlosen Brief. Er istgeschrieben unter heftigen Zahnschmerzen. Jezt schwillt die Backe, u ich darf auf eineruhigere Nacht hoffen,als ich seit 5 Tagen gehabt. Ich hätte dir schwerlich heutegeschrieben, aber gewiß bald. Sogar diese wenigen Zeilen sind mir schwer geworden -.

Fähse hat nicht bloß den Sophokles, sondern auch denPindar übersezt. (40)  Der Mann ist ein Lumpenhund, so schlechthat ers gemacht[,] höre nur

Ariston men hdor (41)
-   v    v                  -    v   v
Silberhell stralt der Urstoffe König

So übersezt, u. scandirt er. ex ungue leonem! (42) Dann macht er den armen Pindar durch seine ewigen ha’s, (c) hui’s, o! o weh!, so läppisch lebhaft, wie Herr Fähse selbst ist.Der arme, ruhige, besonnene, in stiller Kraft kräftige Pindar, einem solchen Kraft-Sturm- u Dranggenie in die Hände gefallen zu sein.

Dein Heinrich Voß.


 
 
 
 

Textapparat:

a    denen er, folgt gestrichen: auch

b    nicht sofort verbessert aus: di

c    ha’s sofort verbessert aus: ha!
 
 

Anmerkungen:

1 So die Charakterisierung von Walter Benjamin in: Deutsche Menschen. Eine Folge von Briefen. Ausgewählt und eingeleitet von Walter Benjamin. Mit einem Nachwort von Theodor W. Adorno. Frankfurt a. M. 1965 (sammlung insel 11), S. 34.

2 Franz Muncker: Art. Voß, in: Allgemeine Deutsche Biographie [ADB] Bd. 40. Leipzig 1896, S. 334-349, hier: S. 348. - Es ist bezeichnend, daß Munckers Urteil noch von Benjamin (s. Anm. 1) als fraglos gültig akzeptiert und von ihm wörtlich (und ohne Angabe der Quelle) zitiert wird.

3 Wilhelm Herbst: Johann Heinrich Voß. Bd. I, II/1, II/2. Leipzig 1872-76. Vgl. vor allem Bd. II/2, S. 104f. u. 195.

4 Detlev W. Schumann: Heinrich Voß - Zwischen Aufklärung und Romantik. Mit unveröffentlichten Briefen. In: Jahrbuch des Wiener Goethe-Vereins 84/85 (1980/81), S. 215-273, hier: S. 233, 235, 241 u. 246.

5 Schumann entgeht dieser Gefahr nicht ganz. Vgl. zur Alkoholismusthese ebd. S. 230, zu Heinrichs Angstvisionen und dem "Pathologische[n] in seinem seelischen Wesen" S. 231f.

6 Briefe von Heinrich Voss an Karl Solger. [Hg. v. Karoline Solger], in: Archiv für Litteraturgeschichte 11/1882, S. 94-141 [im Folgenden abgekürzt: Solger], hier S. 103-110 (Brief vom 15.5.1804), das Zitat ebd. S. 107.

7 Daß die Editionslage bei den Briefen Heinrich Voß’ noch weit unbefriedigender als bei denen seines Vater ist, verwundert nicht angesichts der negativen Beurteilung seiner Person. Immerhin verdanken wir Heinrichs enger Beziehung zu Goethe, Schiller und Jean Paul, daß zumindest ein Teil seiner Briefe in älteren, heutigen wissenschaftlichen Anforderungen allerdings meist nicht genügenden Ausgaben vorliegen. Grundlegend ist immer noch die von seinem Bruder Abraham herausgegebene Ausgabe der Briefe von Heinrich Voß, Bd. I, II/1, II/2, III (Bd. I u. d. T. Briefwechsel zwischen Heinrich Voß und Jean Paul), Heidelberg 1833-38 (abgekürzt: BvHV). Vgl. auch: Goethe und Schiller in persönlichem Verkehre. Nach brieflichen Mitteilungen von Heinrich Voß. Hrsg. v. Georg Berlit. Stuttgart 1895 (abgekürzt: Berlit). Goethe und Schiller in Briefen von Heinrich Voß dem Jüngern. Briefauszüge, in Tagebuchform zeitlich geordnet und mit Erläuterungen hrsg. v. Hans Gerhard Gräf.Leipzig 1896 (abgekürzt: Gräf).

8 Der Brief befindet sich im Besitz von Herrn Hartmut Kull (Halle/Saale). Vorbesitzer war ein Lehrer aus Dessau, der ihn im Februar 1947 von einem Dessauer Bürger erhielt. Ich bin Herrn Kull nicht allein für die Erlaubnis zum Abdruck des Briefes, sondern auch für eine Vielzahl zusätzlicher Informationen und Hilfen bei seiner Transkription und Kommentierung zu größtem Dank verpflichtet. Auch der unten Anm. 39 zitierte Brief von W. Gronau an B. A. Marks wurde mir von Herrn Kull großzügerweise zugänglich gemacht.

9 Im Brief vom 25. August faßt Johann Heinrich den aktuellen Stand des Angebots folgendermaßen zusammen: Man böte ihm "für die Einrichtung u Leitung einer Anstalt zur Bildung künftiger Schullehrer: 1) 3000 Gulden mir selbst, und 1800 meinem Sohne. 2) Eine freie Wohnung mit einem Garten, groß genug, um auch meinen Sohn aufzunehmen. 3) Die Befugnis, noch einen Gehülfen mit 1200 Gulden zu wählen. 4) Ein ansehnliches Wittwengehalt für Mama, und Versorgung meiner Kinder im Baierschen. 5) Völlige Freiheit von allen Einschränkungen und lästigen Verbindungen; nur Rechenschaft der Regierung u meinem Gewissen. 6) Das Seminar soll aus 15, von mir auszuwählenden, und, im Falle der Untauglichkeit zu verwerfenden Jünglingen bestehn, wovon jeder an 300 Gulden erhalten wird." Brief von Ernestine und Johann Heinrich Voß an Heinrich Voß in Weimar sowie Wilhelm und Abraham Voß in Jena, Würzburg, [25. u. 26].8.1804, S. 6 (Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Signatur: Cb 4.24:02).

10 In diesem Sinne ließe sich zumindest der Beginn des ersten Reisebriefes von Ernestine vom 20. August 1804 deuten: "Ich halte es für meine Schuldigkeit euch von hier aus schon Nachricht von uns zu geben ihr guten Kinder, da wenigstens Heinrich wohl ein bischen in Unruhe unsertwegen ist, weil Papa etwas verstimmt war als wir uns im Elephanten [in Weimar] trennten. Indeß sollt ihr nur an das bekannte Sprichwort denken: Aller Anfang ist schwer" (Ernestine Voß an Heinrich und Abraham Voß, Gotha 20.8.1804, S. 1. Landesbibliothek Kiel, Cb 4.24:01). Daß der Abreisetag der 19. August (und nicht, wie bei Herbst II/2, S. 29 angegeben, der 20.) war, geht aus diesem Brief eindeutig hervor.

11 Während die Mutter dies in diesen Briefen zunächst eher vorsichtig versucht und auf Heinrichs Gefühle deutlich Rücksicht nimmt, macht der Vater von Anfang an unmißverständlich klar, welche Lösung er für die einzig vernünftige hält und welche Entscheidung er von seinem ältesten Sohn erwartet. So heißt es schon im Brief vom 25. August: "Mein Heinrich sieht eine glänzende und zugleich gründliche Versorgung vor sich, mit einer geringeren und angenehmeren Arbeit, als die Direction eines Gymnasii erfodern würde. Er soll bloß mit mir, u noch einem, eine Classe von etwa 15 Jünglingen bilden, und nebenher auf der Akademie ein ruhiges Collegium lesen über einen Autor, ohne irgend eine alterthümliche Wissenschaft. Nach einigen Jahren trete ich ihm meine Geschäfte ab, und er ist der versorgteste Philolog in Deutschland. [...] Du, mein lieber Heinrich, wirst in der Stille überlegen; und, wenn die Sache zur Reife gelangt sein wird, sind wir wieder bei einander, u sprechen das Weitere mündlich ab." (Brief vom 25./26.8.1804, s. oben Anm. 9, S. 6f.) Zwei Tage später wird der Vater nochmals deutlicher: "Die Aussichten sind, nach der sorgfältigsten Untersuchung, für unsere Wirksamkeit und unsere künftige Lage sehr reizend. Durchaus das größte Zutraun und der beste Wille. Von mir verlangt man nur lebendige Mittheilung meiner Denkart, und völlige Freiheit im Arbeiten. Von dir, Heinrich, den selbigen Unterricht, den du dort [d.h. in Weimar] in den Klassen giebst, für etwa 4 Stunden in dem philol. Seminar, welches aus 16 ausgewählten Jünglingen bestehen soll; u außerdem ein öffentl. Collegium über Philologie: also zusammen etwa 8 bis 10 Stunden ohne alle lästige Verbindungen, die von dem Directorat eines Gymnasii unzertrennlich wären. Man kann sich keine glüklichere Lage für einen 24 jährigen denken. Wenige und angenehme Arbeit mit deinem Vater unter empfänglichen Leuten, u reichliches Auskommen. Die dir bestimmten 1800 Gulden machen 163 7/11 Carolin, oder nach Jenaischem Gelde 1063 rth: ; und dazu eine freie Wohnung bei uns, die aber geräumig u abgesondert sein soll. Für mich habe ich nach Jen. Gelde 1772 rth:, sichere Aussicht für meine Kinder, u ein noch unbestimmtes Witwengehalt. Ich müsste schlaraffenländisch denken, wenn ich das ausschlüge, da ich noch Kraft u Mut in mir fühle. Auch von dir erwarte ich einen verständigen Entschluß." (Brief von Johann Heinrich und Ernestine Voß an Heinrich Voß in Weimar sowie Wilhelm und Abraham Voß in Jena, Würzburg, 27.8.1804. Landesbibliothek Kiel, Cb 4.24:03, S. 1f.)

12 Schon vor der Abreise der Eltern hat Heinrich in einem Brief an Goethe ohne Wissen des Vaters und "unter Zittern und Zagen" von den Würzburger Plänen berichtet und seine Entschlossenheit bekundet, in Weimar zu bleiben (vgl. Briefe an Goethe, Gesamtausgabe in Regestform, hg. v. Karl-Heinz Hahn, Bd. IV, Weimar 1988, Nr. 1649). Am 22. August 1804 schreibt er an seinen Onkel Heinrich Christian Boie über das ihm völlig unverständliche "Feuer", in das das letzte schriftliche Angebot aus Würzburg den Vater gesetzt habe, und er fährt fort: "Auch auf mich machte er Plane - eigentlich zu meinem Schrecken; denn ich kann mich von Weimar jetzt nicht losreißen. [...] Ich bin nun sehr begierig, wie der Ort [Würzburg] meinen Eltern gefallen, und ob man meinem Vater wieder von neuem zusetzen wird. Ich fürchte eigentlich die Scylla, die diesmal den Odysseus selbst verschlingen will, und wünsche, daß sie passirt sein möge" (BvHV II/1, S. 19). - Allerdings scheint Heinrich zumindest anfänglich erwogen zu haben, sich dem familiären Druck zu beugen - im Bewußtsein freilich, daß dies ein massiv gegen die eigenen Interessen gerichteter Schritt, ein "Opfer" wäre. So äußert er - seinem eigenen Bericht zufolge - "einmal" gegenüber Schiller, den er in dieser Sache um Rat fragt, er fühle sich "stark genug, meinen Eltern ein Opfer zu bringen" (Heinrich Voß an Boie, 10.10.1804, in: BvHV II/1. S. 24).

13 Noch am 9. September sind die Eltern "in der unruhigsten Erwartung auf Heinrichs Brief" (Ernestine Voß an Heinrich, Wilhelm und Abraham Voß, Ulm, 5. u. 9.9.1804, Landesbibliothek Kiel Cb 4.24:05, S. 5). Am 10. erklärt Heinrich im Brief an Solger dann "Ich habe mich standhaft erklärt, daß ich hier bleibe" (Solger S. 115), am 15. folgt dann die halb verständnisvolle, halb enttäuschte Antwort der Mutter aus Ulm: "Wir haben gethan was wir für unsre Pflicht hielten, um keine Nachreue zu empfinden. Du sollst uns nicht nach Würzburg folgen, wenn du es nicht mit der völligen Uberzeugung thust, daß du uns kein Opfer bringst [...]" (Brief vom 15.9.1804, Landesbibliothek Kiel Cb 4.24:07, S. 1).

14 BvHV II/1, S. 22f.

15 Ebd. S. 25f.

16 Solger S. 115.

17 Wilhelm Meisters Lehrjahre, 8. Buch, 5. Kapitel. In: Johann Wolfgang von Goethe: Werke. Hamburger Ausgabe. Bd. 7, 10. Aufl., München 1981, S. 553.

18 Grund dieser Entscheidung war der Studienplan des zukünftigen Seminars, der Voß auf der Rückreise in Würzburg präsentiert wurde und in dem er "ein Erzeugniss jesuitischer Grundsätze witterte" (Herbst II/2, S. 36). Vgl. Johann Heinrich Voß: Über den Lehrplan für die kurpfalz-baierschen Mittelschulen, in: Kritische Blätter nebst geografischen Abhandlungen. Bd. II, Stuttgart 1828, S. 13-62, hier: S. 21. Erstdruck: Jenaische Allgemeine Literatur-Zeitung [JALZ] 2/1805, Nr. 77-79. - Vgl. hierzu sowie zum Aufenthalt Johann Heinrichs in Würzburg auch den Auszug aus den Lebenserinnerungen Fr. W. v. Hovens in diesem Heft unten S. 29f.

19 BvHV II/1, S. 27f.

20 Daß Heinrich zwei Jahre später, im November 1806, dann doch zu wieder zu seinen inzwischen in Heidelberg lebenden Eltern zog, dort wenig später eine Hochschultätigkeit aufnahm und in den folgenden Jahren seine eigene wissenschaftliche Tätigkeit wieder stärker an der des Vaters ausrichtete, spricht nicht gegen diese Bewertung seiner Entscheidung von 1804. Zudem war die persönliche und berufliche Situation Heinrichs im Jahr 1806 eine völlig andere als 1804: Eine hartnäckige Lippenerkrankung machte es ihm zeitweilig unmöglich, seinen Lehrberuf auszuüben und - wie von Goethe ursprünglich in Aussicht gestellt - Direktor des Weimarer Gymnasiums zu werden. Zudem hatte sich auch sein persönliches Umfeld radikal verändert: Schiller war 1805 gestorben, und der Kontakt zu Goethe wurde durch die Krankheit stark beeinträchtigt. So war es naheliegend, aus dem nach der Schlacht von Jena geplünderten und verwüsteten Weimar nach Heidelberg zu fliehen, wo die geliebten Eltern in sicheren und glücklichen Verhältnissen lebten und wo es eine aufstrebende Universität gab, die ihm Lohn und Brot zu geben versprach. Vgl. Schumann S. 224f.; Herbst II/2, S. 103.

21 Johann Heinrich im Brief vom 25.8.1804 (s. Anm. 9), S. 5.

22 Gräf S. 141, Anm. 48 rügt den "schulmeisterlichen Dünkel und vorlaut spatzenmäßigen Ton" der Rezension.

23 Heinrichs Rezension des Hölderlinschen Sophokles in der JALZ war nach Adolf Becks Meinung "aus Unverstand und Überheblichkeit vernichtend, dazu persönlich verletzend". Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke (Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe). Bd. 7/2. Stuttgart 1972, S. 304. Vgl. auch Becks Empörung über Heinrich Voß ebd. Bd. 7/4 (1977), S. 99-101.

24 JALZ 1/1804, Nr. 255, Sp. 168.

25    Ebd. Sp. 161 spricht Heinrich Voß von "verschiedenen Manieren" des Übersetzens und fügt hinzu: "wiewohl nur Eine die rechte ist".

26    Ebd. Sp. 166.

27    Gräf S.141, Anm. 48. Es handelt sich vermutlich um ein Zitat aus einem Brief an Wolff vom 24.10.1804.

28    Benjamin Adolf Marks (1775-1847), geboren 28.9.1775 in Alikendorf im Anhalt-Dessauischen, besuchte die Domschule in Halberstadt von 1789-1796, studierte von 1796-1799 Theologie in Halle, war von 1800 bis Dezember 1805 Lehrer an der Domschule in Halberstadt, danach Professor am Gymnasium in Heiligenstadt, Ende 1808-1815 Pastor der neugegründeten evangelischen Gemeinde in Duderstadt, ab 1815 Archidiakon an der Ulrichskirche in Halle, ab 1816 (bis 1835) auch Universitätsprediger und bald darauf außerordentlicher, ab 1828 ordentlicher Professor der Theologie in Halle, wo er am 24.2.1847 starb. Vgl. Deutsches Biographisches Archiv [DBA] 805, S. 423-434.

29    Zur Reise von Johann Heinrich und Ernestine Voß nach Süddeutschland (Würzburg, Ulm, Karlsruhe, Heidelberg) vgl. Schumann S. 220; Herbst II/2, S. 29-37.

30    Friedrich August Gotthold, geb. 2.1.1778 in Berlin, studierte 1798-1801 Theologie und Philologie in Halle, war 1801-1806 Lehrer am Seminar für gelehrte Schulen in Berlin, dann Prorektor in Küstrin, 1810 Direktor des Friedrichs-Kollegiums in Königsberg, wo er am 25. Juni 1858 starb. Vgl. DBA 410, S. 154-157; ADB 9, S. 485f. Um wen es sich bei dem genannten Evers handelt, konnte ich noch nicht ermitteln.

31    Brief von Ernestine und Johann Heinrich Voß an die Söhne Heinrich und Wilhelm Voß in Jena, Würzburg, [26.]8.1804 (Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Signatur: Cb 4.24:02), S. 7: "Schreib an M. in Halberstadt, u frage ihn, ob er unter mehreren Lehrstellen an den baierschen Gymnasien und auf der Akademie Würzburg eine mit vortheilhaften Bedingungen anzunehmen geneigt sei. Die Antwort melde mir gleich."

32    Der Literarhistoriker Friedrich Heinrich Wilhelm Körte (1776-1846) war damals Domvikar in Halberstadt und Administrator der Gleimschen Familienstiftung.

33    Von diesem Projekt eines ‘litterarischen Clubbs’ schreibt Heinrich Voß schon am 13. August: "Auf den Winter will Goethe mit mir u. Riemer, und noch ein paar andren einen Leseclubb, auch das Griechische mit eingeschlossen, halten. Dieser soll zugleich für die [Jenaische Allgemeine] L.[iteratur-] Zeitung berechnet sein. Darauf freue ich mich außerordentlich, und verspreche mir viele Vortheile davon" (Brief an Christoph Friedrich Hellwag, Jena, 13.8.1804, Eutiner Landesbibliothek, Signatur: Reliquien VIII (A), S. 4. Abgedruckt im Eutiner Gymnasialprogramm von 1864, hg. v. Ch. Pansch, S. 7). Schon am 9.4.1804 berichtet Heinrich seinem Onkel Heinrich Christian Boie von Goethes Plan einer "Gesellschaft junger Leute", in der "Schriften aus mehreren Fächern und Sprachen gemeinschaftlich gelesen und besprochen werden" sollen, deren Ergebnisse in Rezensionen in der JALZ fließen sollen (BvHV II/1, S. 10). Vgl. auch die Briefe an Boie vom 9.4. u. 22.8.1804, in: BvHV II/1, S. 10 u. 20, sowie Gräf S. 51f. - Das Vorhaben ist offenbar nicht verwirklicht worden, wofür Goethes schwere Erkrankung Anfang 1805 ein wesentlicher Grund gewesen sein dürfte.

34    Auch nach Friedrich Leopold Stolbergs Übertritt zum Katholizismus im Jahre 1800 hat Heinrich an seiner tiefen Verehrung und Liebe für den vom Vater Verdammten festgehalten, wie eine Fülle von Briefstellen belegt. Auch Vergleiche zwischen Goethe und Stolberg finden sich in Heinrichs Briefen häufig: "Nie kann ich Göthe ansehn, ohne daß mir Stolberg einfällt, so auffallend ist mir eine gewisse Ähnlichkeit des Profils" (Brief an Chr. Fr. Hellwag u. Frau, [Jena, Ende 1802], S. 4. Eutiner Landesbibliothek, Reliquien VIII (A). Druck: Eutiner Gymnasialprog. 1864, S. 2). "Seit ich Stolberg kenne, hat kein Mann eine so unbegrenzte Liebe und ein so tiefes Zutrauen - mir gleichsam abgezwungen, als Göthe [...]" (Brief an Hellwag, Jena, 27.4.1804, S. 1. Eutiner Landesbibliothek, Reliquien VIII (A). Druck: Eutiner Gymnasialprog. 1864, S. 5). "Wie sagt doch Schleiermacher in einer seiner Predigten? ‘wir werden angezogen, wenn wir den Frommen erblicken?’ Das fühlte ich als Knabe schon (instinctmäßig) in Stolbergs Gegenwart [wie nun bei Goethe]" (Solger S. 113).

35    Vgl. zu Heinrichs Rezensionstätigkeit für die Jenaische Allgemeine Literatur-Zeitung auch den Brief an Solger vom 10.8.1804: "Diese Arbeiten bringen mir 30 Thaler, ein Athenäus von Schweighäuser und einen neuen Oberrock ein. So schere ich die Leute (in Recensionen), und kleide mich dann in der Wolle, bis ich selbst in die Wolle zu sitzen komme. Ich werde viel recensiren, und es wird mir leicht werden, da ich in vielen Recensionen, z. B. in den mythologischen, Göthes Beistand habe. Noch heute Morgen sagte er zu mir: ‘Nun kommen die traulichen Winterabende, da wollen wir zusammen lesen und recensiren.’ Sieh! lieber Junge, da recensire ich mir noch eine Bibliothek zusammen" (Solger S. 111).

36    Die Rezension erschien in der Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung vom 24., 25. u. 26. Oktober 1804 (Jg. 1/1804, Nr. 255-257, Sp. 161-183). Sie bezieht sich auf:
1) Die Trauerspiele des Sophokles. Übersetzt von Friedrich Hölderlin. Bd. 1-2. Frankfurt a. M.: Friedrich Wilmans 1804. (Enthält: Oedipus der Tyrann, Antigonae.)
2) Sophokles Trauerspiele, übersetzt v. G[ottfried] Fähse. Bdchn. 1. Leipzig: Tauchnitz 1804. (Enthält: Oedipus auf dem Thron, Oedipus in Kolonos, Antigone.) Der zweite Band erschien 1809.
3) Sophokles Trauerspiele, übersetzt v. F[riedrich] Ast. Leipzig: Schwickert 1804. (Vollständige Übersetzung.)
4) König Oidipus, eine Tragödie des Sophokles, [übers. v. Karl Solger]. Berlin u. Leipzig: Adamson o. J. [1804]. Die vollständige Übersetzung erschien 1808.
Vgl. auch Manfred Koschlig: Goethes Anteil an der Sophokles-Rezension des jungen Voß. In: Goethe-Jahrbuch N. F. 13 (1951), S. 218-229.

37    Zu Hölderlins Sophokles-Übersetzung und ihrer Rezeption vgl. Friedrich Seebaß: Hölderlins Sophokles-Übertragungen im zeitgenössischen Urteil. In: Philologus 77/1921, S. 413-421. Reinhard Tgahrt: Weltliteratur. Die Lust am Übersetzen im Jahrhundert Goethes. Ausstellungskatalog Marbach 1982, S. 328-330. - Weitere Äußerungen von Heinrich Voß zu Hölderlins Sophokles sind abgedruckt in der Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe (s. Anm. 23) Bd. 7/2, S. 303f.

38    Über Heinrichs erfolgreiche Schultätigkeit in Weimar berichtete später einer seiner Weimarer Schüler: "Als Böttiger nach Dresden berufen worden, erfuhr das Gymnasium eine mehrfach vortheilhafte Umgestaltung. Zuvörderst wurde Heinrich Voß, vorzüglich zur Förderung einer besseren Methode im Griechischen, nach Weimar verpflanzt. Es war das Jahr 1804. Er bekam sogleich auch die dritte Klasse für die Anfangsgründe in die Hände, ja, wenn ich nicht irre, wurden von nun an selbst in Quarta ein Paar Stunden dem Griechischen gewidmet. Sogleich begann ein neues Leben. [...] Jetzt wetteiferte alles, griechisch zu lernen, wiewohl die alte Sitte, diesen Unterricht den Schülern frei zu stellen, für damals noch bestehn blieb. Die liebenswürdige Persönlichkeit des Lehrers, sein milder Ernst, sein wohlwollender Eifer, sein gediegenes und wahrhaft wissenschaftliches Streben brachten bald einen ganz andern Geist in diese Studien. Daher hörte bei ihm auch ohne Weiteres der Stock auf, zu den Hülfslehrern zu gehören. [...] So warme Anhänglichkeit, wie sie Voß als Professor in Weimar bei seinen Schülern besaß, hatte damals wohl noch selten ein Schulmann genossen. Es war der Erfolg der reinsten und biedersten Humanität [...]" (BvHV III, S. 51f.).

39    Vgl. hierzu Heinrich Voß an Karl Solger, Weimar, 15.5.1804: "Die griechischen Stunden alle zu erhalten hat mir Mühe gemacht, aber das festina lente hat sie mir verschafft, nachdem der Conrektor vergeblich gerungen hatte, wenigstens ein Paar beizubehalten, um nicht aus der Uebung zu kommen, falls er in seinem Leben noch einmal wieder vikariren müßte" (Solger S. 108). Daß der offenbar etwas steife und nicht sehr durchsetzungsfähige Konrektor über den Verlust der Griechischstunden nicht sehr erbaut war, geht auch aus einem Brief Wilhelm Gronaus an Marks vom 7.9.1804 hervor. Gronau berichtet hier von seinem Aufenthalt in Weimar am 2.9.1804 und seiner Suche nach der Wohnung Heinrich Voß’, die ihn u. a. an die Tür des Konrektors führte: "Ich [...] finde den H. Conrector im - Schlafrock, höre daß der H. Prof. Voss seit 2 Monaten in Weimar und allein den Unterricht im Griechischen am Gymnasio besorgt und - spreche den lieben Conrector so herzhaft und bedeutend zu, daß er sich - eine Ehre daraus macht, mich zu dem H. Prof. Voss zu bringen." Aus der folgenden Schilderung des Wiedersehens Gronaus mit Heinrich Voß und dem gerade bei ihm weilenden Friedrich Wilhelm Riemer ergibt sich, daß alle drei (und, wie der Zusammenhang nahelegt, auch der Adressat des Briefes Marks) enge Freunde aus ihrer gemeinsamen Hallenser Studienzeit waren. Auch Heinrichs Zahnschmerzen kommen hier zur Sprache: "Nun waren Voss, Riemer und Gronau zusammen, die sich seit 4 Jahren nicht gesehen, und sich vielerley zu erzählen hatten. Es wurde abwechselnd! Freude gesprochen und geküßt - der H. Vice Director machten eine kleine Störung durch seinen gütigen Besuch, der eine Erkundigung wegen der ziemlich dicken Backe des H. Prof. Voss zur Ursach hatte und - mit der gehorsamsten über die gemachte angenehme Bekanntschaft endigte" (S. 4).

40    Gottfried Fähse (1764-1831) war damals Konrektor am Lyceum in Annaberg. Fähses Übersetzung von Pindaros Siegshymnen, metrisch übersezt mit Anmerkungen erschien in 2 Bänden Penig 1804-06.

41    "Das Beste aber ist das Wasser." Pindar, Olympien 1,1.

42    Ex ungue leonem (pingere), den Löwen nach der Klaue malen, d.h. aus einem Glied auf die ganze Gestalt schließen.
 

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